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Welthandel: China fährt voraus

Dirk Kaufmann
6. November 2020

Wenn die Konjunktur brummt, blüht auch der Handel. Gegenwärtig geht es der Weltwirtschaft zwar gar nicht gut, aber noch nie wurden so viele Container wie derzeit umgeschlagen. Wie passt das zusammen?

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USA Hafen von Long Beach Kalifornien Containerschiff Hanjin Montevideo
Bild: picture-alliance/AP Photo/S.Carr

Es gibt viele Indikatoren und Indizes, die über den Zustand einer Volkswirtschaft oder der Weltwirtschaft Auskunft geben. Aber oft zeigen sie erst mit Verzögerung an, ob es auf- oder abwärts geht. Aber gerade in Krisenzeiten - so wie jetzt - braucht man Zahlen oder Fakten, die schneller verfügbar sind.  

Der Containerumschlag-Index des Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) und des Instituts für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL) ist so ein Indikator - und der zeigt ein ausgesprochen positives Bild: Nach der aktuellen Schnellschätzung der beiden Institute ist er auf 119,7 gestiegen und hat damit ein Allzeithoch erreicht. RWI-Konjunkturchef Torsten Schmidt: "Der Containerumschlag zeigt, dass der Welthandel weiterhin kräftig ausgeweitet wird. Inzwischen übertrifft er sogar sein vor der Corona-Krise erreichtes Niveau."

Diese Aussage bezieht sich auf den Welthandel. Die Situation für den Warenverkehr von und mit Nord- und Mitteleuropa sieht noch anders aus: Obwohl auch hier der Trend nach oben weist, hat der Handel in unseren Breiten noch nicht wieder das Niveau erreicht, dass er vor Ausbruch der Pandemie hatte.

Die Bedeutung des Containerumschlag-Indexes beruht auf der Beobachtung, dass der internationale Handel im Wesentlichen per Schiff abgewickelt wird, und deshalb die Containerumschläge in den großen Häfen zuverlässige Rückschlüsse auf den Welthandel zulassen:. Denn je mehr hergestellt und nachgefragt wird, desto dichter wird der Warenverkehr. Ein boomender Handel bedeutet Wirtschaftswachstum und eine brummende Konjunktur.

Renommierte Institute

Der Containerumschlag-Index wird von zwei deutschen Instituten errechnet und veröffentlicht: Das norddeutsche Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL) und das in Nordrhein-Westfalen ansässige Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Ihre Berechnungen fußen auf den Angaben aus bis zu 91 internationalen Häfen. Die aktuelle Schnellschätzung stützt sich auf Angaben von 64 Häfen, in denen rund 85 Prozent des im Index abgebildeten Umschlags staffinden.

Infografik Container Index DE

Das ISL ist ein gemeinnütziges, auf maritime Wirtschaft spezialisiertes Forschungs- und Beratungsinstitut und hat seinen Sitz im Bundesland Bremen. 1954 gegründet, war es das erste maritime Wirtschaftsinstitut in Deutschland und gilt als Vorbild für weitere Institute weltweit. Das RWI ist eine wirtschaftswissenschaftliche Forschungseinrichtung in Essen an der Ruhr. Das Institut verfolgt laut seiner Satzung ausschließlich wissenschaftliche Zwecke in gemeinnützigem Rahmen und ist als "eingetragener Verein" privat geführt.

Chinesischer Aufschwung

Andere Quellen bestätigen den im RWI/ISL-Index beschriebenen Aufwärtstrend beim Seehandel und geben einen Hinweis, wo das Wachstum seinen Ursprung hat: in China nämlich. Seit Monaten gibt es dort, nach Angaben der Führung, kaum noch neue COVID-19-Infektionen, das Leben und die Wirtschaftstätigkeit haben sich weitgehend normalisiert. Ökonomen gehen davon aus, dass China in diesem Jahr die einzige große Volkswirtschaft sein wird, die das Jahr mit einem positiven Wachstum abschließen kann.

Das Internetportal hellenicshippingnews.com, laut Eigendarstellung eine "tägliche Zeitung für die griechische und die internationale Schifffahrt", meldet steigende Umsätze im Reich der Mitte. Der Umsatzindex CCFI (China Containerized Freight Index) verzeichnete demzufolge Ende Oktober Steigerungen von fünf Prozent im chinesischen Westafrika-Verkehr und mehr als sieben Prozent im Handel mit dem südlichen Afrika.

Steigende Preise bei wachsendem Umsatz

Auch die Frachtpreise für Container sind ein zuverlässiger Konjunkturindikator: Wird mehr gehandelt, steigen auch die Preise für den Transport. Lloydsloadinglist.com etwa berichtet von den Frachtraten im China-USA-Handel, die "seit fünf aufeinander folgenden Wochen auf hohem Niveau stabil" seien. Ende Oktober seien die Preise im Handel zwischen China und der US-Westküste unverändert teuer und seien um "182 Prozent höher als im entsprechenden Vorjahreszeitraum".

Symbolbild | Corona-Rezession in Italien und Frankreich
In China, hier in Shanghai, stapeln sich bereits wieder die Container und warten auf ihren Transport nach ÜberseeBild: picture-alliance/dpa/EPA/Q. Shen

In Deutschland, so hellenicshippingnews, sei der Trend ebenfalls sichtbar. Hier habe die Reederei Hapag-Lloyd ihre Preise für den Handel mit China angehoben. Die Containerpreise für Fahrten aus China heraus zögen bereits seit einiger Zeit an, weil die Transportboxen immer stärker nachgefragt würden und die Nachfrage das Angebot zu übersteigen beginne. Der Grund dafür wäre der Boom im Trans-Pazifikhandel Chinas mit den USA.

Der Euroraum hinkt hinterher

Der RWI/ISL-Index bestätigt die Beobachtung, dass der Aufschwung im Seehandel seinen Ursprung im Pazifik-Verkehr zu haben scheint. "Sowohl in den chinesischen Häfen als auch in den Häfen außerhalb Chinas nahm der Umschlag kräftig zu", schreiben die Autoren des RWI/ISL-Index.

Für den Handel in Europa bietet der Index weniger strahlende Zahlen. Der Nordrange-Index, der die Lage im nördlichen Euroraum und in Deutschland abbildet, verbesserte sich zwar auch, und zwar auf 111,6 Punkte. Damit setze sich die "positive Grundtendenz" fort, doch habe der Index "noch nicht sein Niveau von vor der Corona-Krise erreicht".