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Wie Russland YouTube und WhatsApp blockiert

Alexey Strelnikov
13. Februar 2026

Immer mehr Websites und Messenger sind in Russland nicht mehr erreichbar. Die Menschen suchen Tipps gegen die staatlichen Sperren. Was wird vom russischen Internet übrig bleiben? Die DW hat mit Experten gesprochen.

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Eine YouTube-Seite auf dem zersplitterten Display eines Handys
Russland blockiert die Videoplattform YouTubeBild: R. Goldmann/picture alliance

YouTube ist aus dem russischen Internet verschwunden. Die Aufsichtsbehörde "Roskomnadsor" hat die Domain "youtube.com" von ihren DNS-Servern entfernt. Wird aus Russland auf die Videoplattform zugegriffen, kann der Router die Website-Adresse nicht seiner IP-Adresse zuordnen und gibt eine Fehlermeldung aus. Auch die Domain von WhatsApp ist von den DNS-Servern von "Roskomnadsor" verschwunden. Dies geschieht parallel zur aktuellen Kampagne der russischen Behörden gegen den Messenger Telegram. "Roskomnadsor" geht aus Expertensicht verstärkt gegen solche Dienste vor, die außerhalb seiner Kontrolle liegen.

Zum Verständnis: DNS-Server (Domain Name System) fungieren als Telefonbuch des Internets, und IP-Adressen sind Nummern, die Computer, Smartphones und Router erreichbar und identifizierbar machen. Wird die Kommunikation zwischen DNS-Server und IP-Adresse verhindert, kann ein VPN (Virtual Private Network) aushelfen: Es stellt eine verschlüsselte Verbindung zwischen Gerät und Server her. Damit kann ein Geoblocking umgangen und anonym gesurft werden.

Display eines Handys, auf dem unter anderem die Icons der Messenger Telegram, Instagram und WhatsApp zu sehen sind.
Messenger wie Telegram und WhatsApp, aber auch Instagram sind in Russland unter Druck.Bild: Rasit Aydogan/AA/picture alliance

Die DW hat Tipps von Experten und Internetnutzern zur Umgehung russischer Sperren geprüft und 9000 User anonym nach Problemen mit YouTube in Russland befragt. Dabei gaben 46 Prozent der Befragten an, die Videoplattform über ein VPN zu nutzen, 24 Prozent berichteten von anhaltenden Verbindungsproblemen trotz VPN, weitere 27 Prozent gaben an, nicht in Russland zu leben, und drei Prozent erklärten, kein VPN zu nutzen und Störungen erlebt zu haben.

Änderung beim Zugang zu Websites

Michael Klimarev ist ein Experte für Internetzensur. Im Telegram-Kanal "zatelecom" sagt er, die DNS-Server von "Roskomnadsor" müssten eigentlich als ein NDNS, also "Nationales Domain Name System" bezeichnet werden. Klimarev spricht von einem System aus Soft- und Hardware, das zusammen mit dem Gesetz über das "souveräne russische Internet" in Russland eingeführt wurde. "Faktisch ist es ein alternatives 'Internetverzeichnis', das russische Telekommunikationsanbieter nutzen müssen", so Klimarev. Laut Gesetz dürfen sich russische Provider nicht an internationalen Registern orientieren, sondern ausschließlich am NDNS. Dies ermöglicht es der Behörde, den Zugriff auf Websites zentral zu steuern.

Nach Informationen des Telegram-Kanals "na_sviazi" sind jüngst 13 Domainnamen aus dem NDNS entfernt worden. Dazu zählen die der DW, der BBC, von Radio Liberty, Facebook und Instagram. Bislang hatte "Roskomnadsor" vor allem die DPI-Technologie (Deep Packet Inspection) als Methode zur Zugangsbeschränkung eingesetzt. So konnte die Behörde den Internetverkehr analysieren und  filtern. Mithilfe von DPI kann auch die Geschwindigkeit der Datenübertragung reduziert werden, wodurch Videos bei russischen YouTube-Nutzern nur langsam oder gar nicht geladen wurden. So blieb der Dienst zwar technisch verfügbar, funktionierte jedoch nur mit Unterbrechungen.

Der unabhängige Telekommunikationsexperte Alexey Uchakin hat im russischen Wirtschaftsportal RBC die Vermutung geäußert, die Kapazitäten von "Roskomnadsor" für die Drosselung der Übertragungsgeschwindigkeit könnten begrenzt sein. Deshalb sei die Behörde auf eine strengere Blockade umgestiegen, um eigene Ressourcen für eine Sperrung von Telegram freizusetzen.

Was schreiben YouTube-Nutzer?

In Kommentaren auf dem YouTube-Kanal der DW berichten Nutzer von einer Verschlechterung der Zugriffsqualität. Einer merkt an: "Selbst mit VPN ist eine deutliche Verlangsamung und Instabilität zu spüren." Ein anderer DW-Nutzer schreibt: "YouTube ist schwieriger zu schauen. Aber ich glaube, das liegt nicht an YouTube, sondern am VPN. Ich nutze kostenlose Versionen." Ein weiterer Nutzer gab an, das VPN auf seinem Laptop nie auszuschalten, "weil ohne überhaupt nichts funktioniert".

Eine Frau geht am Gebäude der Föderalen Dienststelle für die Aufsicht über Kommunikation, Informationstechnologie und Massenmedien (Roskomnadsor) in Moskau vorbei
Ein Schild am Gebäude der Föderalen Dienststelle für die Aufsicht über Kommunikation, Informationstechnologie und Massenmedien (Roskomnadsor) in Moskau. Bild: Ramil Sitdikov/Sputnik/dpa/picture alliance

Gleichzeitig beklagen viele, dass selbst VPN-Dienste nicht stabil funktionieren. In Kommentaren wird vermutet, dies könne zum Teil auf Einschränkungen der VPN-Anbieter oder auf Werbeblocker zurückzuführen sein.

Was können normale Internetnutzer tun?

"Wenn in einem Land nur noch ein NDNS verfügbar ist, helfen keine Einstellungen mehr, um die normale Funktion des DNS wiederherzustellen", heißt es beim Telegram-Kanal "na_sviazi". "In diesem Fall muss man ernsthaft über den Schutz seines Datenverkehrs nachdenken und zuverlässige VPNs wählen."

Zensurexperte Klimarew weist jedoch darauf hin, dass selbst die Nutzung von DNS-Diensten und VPNs von Drittanbietern keinen vollständigen Schutz bieten. Ein Internetbetreiber könne auch alternative DNS-Dienste blockieren. Seiner Meinung nach bleibt die Verwendung eines zuverlässigen VPN zwar nach wie vor die effektivste Methode, um mit der Außenwelt in Kontakt zu bleiben. Klimarew warnt aber auch davor, dass die russischen Behörden IP-Adressen fälschen könnten. "Und dann wird man nicht dorthin geleitet, wo man hinwill", betont er. Der Nutzer gelangt möglicherweise nicht auf echte Websites, sondern auf gefälschte Kopien, die zum Diebstahl von Logins, Passwörtern und Bankdaten erstellt wurden.

Was passiert mit dem Internet in Russland?

Experten sind sich einig, dass die Sperrung von YouTube und WhatsApp auch im Zusammenhang mit dem aktuellen Druck auf Telegram zu sehen ist. "Roskomnadsor" hat die Beschränkungen für den Messenger offiziell bestätigt. Das begründet die Behörde mit einem "Verstoß gegen russisches Recht" und einer "Gefährdung der Sicherheit der Bürger". Gleichzeitig wird Telegram vor einem Moskauer Gericht vorgeworfen, verbotene Inhalte nicht zu löschen und den "Pflichten eines Social-Media-Betreibers" nicht nachzukommen. Telegram hat bereits eine Geldstrafe von fast 11 Millionen Rubel (ca. 120.000 Euro) erhalten.

Diese Entwicklungen führten zu einem separaten russischen Internet-Segment, das immer weniger mit dem globalen Netz übereinstimmen werde, glaubt Klimarev. "Irgendwann wird es in der Russischen Föderation ein völlig anderes Internet geben, das sich vom weltweiten unterscheidet", warnt er. "Und man wird ihm nicht trauen können."

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk