1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
PolitikBulgarien

Wohin wird Wahlsieger Rumen Radev Bulgarien steuern?

Alexandar Detev (in Sofia)
20. April 2026

Ein Pilot, Ex-General und Ex-Präsident, der behauptet, die Korruption bekämpfen zu wollen und auf Dialog mit Russland drängt: Wer ist Rumen Radev, der Sieger der Parlamentswahl in Bulgarien?

https://p.dw.com/p/5CVoL
Ein Mann mit Halbglatze spricht in Mikrofone, auf denen die Namen verschiedener Medien stehen, im Hintergrund sind weitere Menschen zu    sehen
Wahlsieger Rumen Radev spricht nach der Schließung der Wahllokale am 19.04.2026 zu MedienvertreternBild: Dimitar Kyosemarliev/AFP

Wird ein neuer Viktor Orban Bulgarien regieren? Oder wird die grassierende Korruption im Land endlich bekämpft? Das sind die großen Fragen, die die Medien stellen, nachdem die neue Partei des ehemaligen Präsidenten Rumen Radev, "Progressives Bulgarien", die Parlamentswahl am 19.04.2026 gewonnen hat - und über eine absolute Mehrheit im neuen Parlament verfügen wird.

Während des Wahlkampfs vermied Radev klare Antworten - und für viele Beobachter bleiben ein Großteil seiner Pläne sowie die seiner Verbündeten in dem Bündnis, das er innerhalb weniger Wochen vor der Wahl mit drei kleinen Parteien zusammengestellt hat, unklar. Was lässt seine Biografie vermuten?

Wer ist Rumen Radev?

Rumen Radev wurde 1963 in der nahe der bulgarisch-türkischen Grenze liegenden Stadt Haskovo geboren. Seine Eltern und Verwandten erzählen, dass er schon als Kind eine Karriere in der Luftfahrt anstrebte. Im Jahr 1987, als Bulgarien noch eine kommunistische Diktatur und Teil des Warschauer Pakts war, begann er eine Ausbildung zum Piloten.

Auf einem großen Plakat ist ein Mann mit Halbglatze zu sehen, der ein weißes Hemd und eine Krawatte trägt, daneben steht in kyrillischen Buchstaben "Progressives Bulgarien"
Wahlplakat für Radevs Partei "Progressives Bulgarien" in Bulgariens Hauptstadt Sofia Bild: NurPhoto/picture alliance

Im Jahr 1992 - Bulgarien war zwei Jahre zuvor demokratisch geworden - absolvierte Radev eine Offiziersausbildung in den USA. 2005, ein Jahr nach dem Beitritt Bulgariens zur NATO, wurde er Kommandeur der bulgarischen Luftstreitkräfte.

Ein Mann des Kremls?

2016 kandidierte Rumen Radev für das Präsidentenamt. Er wurde von der Bulgarischen Sozialistischen Partei (BSP) nominiert - dem Nachfolger der Bulgarischen Kommunistischen Partei, die das Land von 1944 bis 1990 beherrscht hatte. Schon damals tauchten Informationen auf, dass Radevs Kandidatur mit der Führung in Russlands Hauptstadt Moskau besprochen worden sei.

Wenig später prahlte Leonid Reshetnikov, ein langjähriger Geheimdienstmitarbeiter erst der Sowjetunion und dann der Russischen Föderation, damals Leiter des Russischen Instituts für Strategische Studien, er habe Radevs Kandidatur mit der Führung der BSP abgesprochen.

Spätestens seit diesem Zeitpunkt sind die potenziellen Verbindungen zwischen dem jetzigen Wahlsieger und dem Kreml Gegenstand des medialen und öffentlichen Interesses. Dieses Interesse wuchs nach Beginn der Vollinvasion Russlands in der Ukraine 2022 weiter.

Wem gehört die Krim?

Im Jahr 2021 kandidierte Radev für eine zweite Amtszeit als Präsident. Während der einzigen TV-Debatte im Wahlkampf fragte ihn Anastas Gerdzhikov, der Kandidat der konservativen pro-europäischen Partei GERB: "Wem gehört die Krim?" "Sie gehört Russland, so ist es nunmal", antwortete Radev. Später milderte er seine Äußerungen ab und erklärte, dass "die Krim zur Ukraine gehört, aber derzeit von Russland kontrolliert wird".

Ein Mann mit Halbglatze, der einen Anzug trägt, und ein schwarzhaariger Mann in einem grünen Tshirt reichen sich die Hände, im Hintergrund sind weitere Menschen zu sehen
Der bulgarische Präsident Rumen Radew (l. vorne) empfängt den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj (r. vorne) am 6. Juni 2023 in SofiaBild: UKRAINIAN PRESIDENTIAL PRESS/REUTERS

Nach der russischen Vollinvasion in der Ukraine erklärte Radev, Russland müsse seine militärischen Aktionen einstellen. In den folgenden Monaten richtete sich seine Rhetorik jedoch zunehmend gegen die Ukraine und die EU. Die militärische Unterstützung für Kyjiw verlängere den Krieg nur, so Radev, die ukrainische Gegenoffensive sei ein Fehler gewesen und Politiker, die Waffen und Munition in die Ukraine schickten, seien "Kriegstreiber".

All dies wirft ernsthafte Fragen darüber auf, inwieweit Radev die pro-europäische Linie der Ukraine-Politik Bulgariens beibehalten wird, die die Koalitionspartner in den beiden letzten Regierungen des Landes vertreten haben - und inwieweit Radev zu einem Blockierer gemeinsamer EU-Entscheidungen zur Ukraine werden könnte, wie es bislang Ungarns abgewählter Premier Orban war.

Ein neuer Viktor Orban?

"Ich würde ihn nicht mit Orban oder (Robert, Anm.d.Red.) Fico in der Slowakei vergleichen", kommentiert Pavol Szalai, Direktor des Büros der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen für Mitteleuropa und den Balkan in Prag, gegenüber der DW. Szalai hatte im Herbst 2025 mit Radev gesprochen. "Russische Propaganda ist in Bulgarien weit verbreitet", so Szalai weiter, "das ist eines der Hauptprobleme für die Bürger und ihren Zugang zu Informationen".

Laut der US-Zeitung Washington Post sind die durch russische Desinformation entstehenden Risiken so groß, "dass das Außenministerium in Sofia in Abstimmung mit der Europäischen Kommission eine Spezialeinheit eingerichtet hat, um gegen eine mögliche russische Einmischung vorzugehen". Für Radev sei dies "ein Versuch Brüssels, sich in die Wahlen einzumischen", heißt es in dem Beitrag weiter.

Laut einem Mitarbeiter eines europäischen Geheimdienstes, mit dem die Autorin des Washington Post-Artikels, Catherine Belton, gesprochen hat, wurde Radevs Wahlkampf von einem Netzwerk ehemaliger hochrangiger bulgarischer Offiziere unterstützt, die Verbindungen zum russischen Militärgeheimdienst hätten. Diese Offiziere würden Radev unterstützen, indem sie seine Haltung gegen eine militärische Unterstützung der Ukraine weiterverbreiteten.

Wird Radev die Korruption bekämpfen?

Bereits als Präsident im Jahr 2021 unterstützte Rumen Radev die massiven Anti-Korruptions- und Anti-Regierungs-Proteste in Bulgarien. "Weg mit der Mafia", erklärte er vor den Demonstranten, die den langjährigen Ministerpräsidenten und GERB-Vorsitzenden Bojko Borissow und Deljan Peewski, den derzeitigen Vorsitzenden der Bewegung für Rechte und Freiheiten, wegen Korruption und der Vereinnahmung des Justizsystems scharf kritisierten.

Ein Mann im Anzug steht hinter einem Rednerpult, an der Wand dahinter ist der kyrillische Schriftzug "GERB" auf blauen Grund zu sehen
Bojko Borissow bei der Abschlusskundgebung seiner Partei GERB am 15. April 2026Bild: Stoyan Nenov/REUTERS

Peewski wurde mittlerweile von den USA und Großbritannien wegen Korruption sanktioniert, seine Partei wurde aus demselben Grund aus dem Parteienbündnis der Europäischen Liberalen ausgeschlossen.

Nach den Massenprotesten trat die Partei "Wir setzen den Wandel fort" auf die politische Bühne - eine pro-europäische, liberale und gegen Korruption gerichtete Kraft. Ihre führenden Persönlichkeiten, Kiril Petkov und Asen Vasilev, waren Teil einer Übergangsregierung, die von Radev ernannt worden war.

Mit wem wird Radev koalieren?

Im Dezember 2025 kam es in Bulgarien erneut zu Massenprotesten, diesmal gegen den Haushalt, aber erneut auch gegen Borissow und Peewski. Zu den Organisatoren gehörte "Wir setzen den Wandel fort", die nun in einer Koalition mit einer weiteren pro-europäischen Kraft, der Partei "Demokratisches Bulgarien", auftraten.

Vor allem bei "Wir setzen den Wandel fort" und "Demokratisches Bulgarien" wird Radev nun potenziell Unterstützung für eine qualifizierte Mehrheit suchen, um damit Personen im Justizsystem und anderen staatlichen Schlüsselinstitutionen auszutauschen, die seiner Meinung nach mit der Borissow und Peewski verbunden sind.

Gegenüber der nationalistischen, pro-russischen Partei "Wiedergeburt", die ebenfalls Teil des nächsten Parlaments sein wird, hat der Wahlsieger dagegen bisher keinerlei Kooperationsbereitschaft gezeigt.

Ein junger Mann mit Bart blickt lächelnd in die Kamera. Er trägt ein weißes Hemd und einen dunklen Blazer
Alexandar Detev Autor, Korrespondent und Redakteur