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Politik

"Wenn wir nichts tun, wird es noch schlimmer"

Audrey Parmentier
17. November 2016

In Brüssel haben Geberländer der krisengeschüttelten Zentralafrikanischen Republik 2,06 Milliarden Euro an Hilfen zugesagt. Das ist dringend nötig, sagt der Erzbischof der Hauptstadt Bangui im DW-Interview.

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Zentralafrikanische Republik Flüchtlingscamp in Bangui
Flüchtlingscamp in der zentralafrikanischen Hauptstadt BanguiBild: picture-alliance/dpa/K. Palitza

DW: Sie haben sich seit Beginn des Bürgerkriegs 2013 für den Dialog zwischen Muslimen und Christen eingesetzt, haben mit dem Präsidenten des zentralafrikanischen Islamrats und dem Leiter der Evangelischen Allianz eine "interreligiöse Friedensplattform" gegen den Bürgerkrieg in der Zentralafrikanischen Republik gegründet. Die Gewalt geht unterdessen weiter. Die französischen Truppen sind mittlerweile abgezogen, zurzeit ist nur noch die umstrittene UN-Mission Minusca im Land. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein?

Dieudonné Nzapalainga: Die Lage ist unsicher und fragil, denn wir haben keine nationalen Streitkräfte. Wir setzen auf externe Truppen, auf die Minusca. Aber die kann nicht überall sein. Es ist ein großes Land mit 623.000 Quadratkilometern, nicht sehr dicht besiedelt. An einigen Orten haben Kriegsherrn die Kontrolle und entscheiden über Leben und Tod. Häufig haben die Truppen der Minusca keinen Zugang zu diesen Gebieten, die Menschen dort sind sich selbst überlassen.  

Ich glaube, das Thema Embargo (ein internationales Waffenembargo, Anm. d. Red.) und die Frage, wie eine nationale Armee zusammengestellt werden könnte, müssen wieder auf die Tagesordnung. Damit eine nationale Armee, in der das ganze Land mit allen Ethnien und Stämmen vertreten ist, unsere Heimat verteidigen kann. Es ist Zeit, dass die zentralafrikanische Armee ihren Teil dazu beiträgt, dass das Land wieder sicher wird. 

Bei der Geberkonferenz in Brüssel wurde auch der "Plan zur Wiederaufrichtung und zur Festigung des Friedens in der Zentralafrikanischen Republik" vorgestellt werden. Was erwarten Sie von diesem Plan? 

Seit Beginn der Krise war die internationale Gemeinschaft an unserer Seite. Wir müssen dankbar dafür sein, was jedes Mitglied der Gemeinschaft für uns getan hat. Wir spielen mit im Konzert der Nationen, wir sind in Schwierigkeiten, und die anderen können uns helfen, wieder aufzustehen. Ich glaube, mit diesem Ziel hat unsere Regierung ihre Energie und ihr Personal mobilisiert und den Plan entwickelt, den sie den Gebern vorstellen.

Jetzt hoffen wir, dass die anderen ihre Aufmerksamkeit darauf richten, und dass sie verstehen: Wenn wir jetzt nichts tun, wird das Land wieder in seine Fehler zurückfallen, und es wird noch schlimmer werden. Die Zentralafrikanische Republik hat Grenzen zu sechs anderen afrikanischen Staaten, auch hier wird es Spannungen geben. 

Wir möchten ein Land sein, das man besuchen kann. Wir wollen respektiert werden, mehr als jemals zuvor. Und wir möchten diejenigen unterstützen und ermutigen, die sich dafür einsetzen, Lösungen für die Lage in unserem Land zu entwickeln. 

Dieudonné Nzapalainga
Diedonné Nzapalainga bei der Verleihung des Aachener Friedenspreises 2015Bild: DW/S. Blanchard

Der Papst hat sie zum Kardinal ernannt und wird Sie am 19. November ins Kardinalskollegium aufnehmen - als ersten Zentralafrikaner und jüngstes Mitglied des einflussreichen Gremiums. Was bedeutet das für Sie persönlich?

Ich sehe das nicht als meinen Verdienst an, sondern als ein Geschenk, das ich vom Heiligen Vater erhalten habe. Der Herr ruft den, den er rufen möchte, zu jedem möglichen Zeitpunkt. Ich kann mich nur verneigen und diese Ernennung mit großer Demut annehmen. 

Was bedeutet Ihre Ernennung für die Zentralafrikanische Republik? 

Die Zentralafrikanische Republik ist ein armes, ein verlassenes Land, das vor allem für das Leiden dort bekannt ist. Der Heilige Vater hat im Namen des Glaubens allen Hindernissen getrotzt und ist hierher gekommen, hat den Boden hier betreten (bei seiner Afrika-Reise im November 2015, Anm. d.
Red.). Da haben wir gesehen, wie Grenzen gefallen sind: Muslime haben angefangen auf Christen zu zählen und umgekehrt, es entstand ein Zusammenhalt - wenn auch ein fragiler.      

Im Jahr der Barmherzigkeit ist der Papst zu uns gekommen und hat seine Nähe zu einem Land gezeigt, das leidet und mitten im Krieg und in Konflikten steckt. Er hat uns gesagt, dass es Zeit ist, dass wir die Waffen niederlegen, uns gegenseitig ins Gesicht schauen und miteinander reden - und dass wir unser Land wieder aufbauen. Ich glaube, meine Ernennung bedeutet auch, dass Gott sich um die Armen kümmert und über sie wacht.  Ich setzte mich dafür ein, dass sie gehört werden und dass der Frieden in unser Land zurückkehrt. 

Dieudonné Nzapalainga ist Erzbischof von Bangui und seit 2013 Vorsitzender der nationalen Bischofskonferenz. Er ist Mitbegründer der "interreligiösen Friedensplattform" gegen den Bürgerkrieg, der die Zentralafrikanische Republik seit Jahren erschüttert. In Deutschland wurde er dafür im vergangenen Jahr mit dem Aachener Friedenspreis geehrt. 

Das Interview führte Audrey Parmentier.