Äthiopien, Eritrea und der Zank um den Hafen von Assab
17. Januar 2026
Die Spannungen zwischen Äthiopien und dem Nachbarland Eritrea haben sich verschärft: Die äthiopische Polizei hatte kürzlich bekanntgegeben, sie habe Lastwagen mit Munition beschlagnahmt, die angeblich aus Eritrea an die im Bundesstaat Amhara ansässigen äthiopischen Fano-Rebellen geliefert worden sei. Die Fano-Rebellen führen seit 2023 einen bewaffneten Aufstand gegen das äthiopische Militär.
Als Reaktion darauf erklärte der eritreische Informationsminister Yemane Gebremeskel gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, die Prosperity Party des äthiopischen Premierministers Abiy Ahmed suche nach einem Vorwand, um Eritrea anzugreifen. "Das Regime verbreitet Falschmeldungen, um den Krieg zu rechtfertigen, den es seit zwei langen Jahren unbedingt führen will", sagte er.
Die jüngsten Entwicklungen erfolgen vor dem Hintergrund einer eskalierenden Fehde zwischen Eritrea und Äthiopien wegen des fehlenden Zugangs des Binnenstaats Äthiopien zum Roten Meer. Durch die Unabhängigkeit Eritreas im Jahr 1993 verlor Äthiopien seinen direkten Zugang. Der äthiopische Premierminister Abiy sieht darin eine entscheidende strategische Einschränkung für das zweitbevölkerungsreichste Land Afrikas.
Neue Spannungen zwischen Eritrea und Äthiopien
In öffentlichen Äußerungen im vergangenen Jahr bezeichnete Abiy den Zugang zum Meer als wesentlich für die langfristigen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen Äthiopiens. Äthiopische Regierungsvertreter betonen, dass es sich um eine diplomatische und wirtschaftliche Kampagne handle. In Eritrea hingegen wird diese Rhetorik als Warnsignal verstanden.
Etwa 90 Prozent des äthiopischen Seehandels werden derzeit über Dschibuti abgewickelt. Laut Aussagen äthiopischer Behörden bedeutet das für das Land steigende Kosten, logistische Engpässe und sich verändernde geopolitische Allianzen.
Eine Schlüsselrolle im Streit zwischen Äthiopien und Eritrea spielt der Hafen von Assab. Eritreas Regierung in Asmara betrachtet Assab, nur 75 Kilometer von der äthiopischen Grenze entfernt, als einen zentralen Pfeiler seiner Souveränität, die es sich in einem langen Unabhängigkeitskampf erkämpft hat. Ein Streit um die Grenzziehung führte Jahre später, zwischen 1998 und 2000, zu einem weiteren Krieg zwischen beiden Ländern, in dem Zehntausende Menschen ums Leben kamen.
Anfang dieser Woche erklärte der eritreische Präsident Isayas Afewerki gegenüber den staatlichen Medien, Abiys Prosperity Party habe seinem Land den Krieg erklärt. Er sagte, Eritrea wolle keinen Krieg, fügte aber hinzu: "Wir wissen, wie wir unsere Nation verteidigen können."
Afewerki betonte schon im vergangenen Jahr: Jeder Hinweis, Äthiopien könnte einen garantierten Zugang oder Einfluss auf eritreische Häfen anstreben, werde als Kampfansage gegenüber dieser hart erkämpften Autonomie angesehen. Eritreische Verantwortliche haben Addis Abeba expansionistische Ambitionen vorgeworfen. Das weist Äthiopien jedoch zurück.
Für Bayisa Wak-Woya, einen ehemaligen UN-Diplomaten äthiopischer Herkunft, ist die Wahrscheinlichkeit für einen offenen Krieg gering. Er sagte gegenüber der DW, trotz der scharfen Auseinandersetzungen seien die Voraussetzungen dafür zu diesem Zeitpunkt nicht gegeben.
Die Bedeutung von Assab reicht weit über die bilaterale Geschichte hinaus. Die Stadt liegt nahe dem südlichen Eingang zum Roten Meer und in der Nähe eines der verkehrsreichsten Seewege der Welt - einer Engstelle, die Europa, den Nahen Osten und Asien verbindet.
Während der imperialen und sozialistischen Ära Äthiopiens diente sie als wichtiger Umschlagplatz für den äthiopischen Handel. Seit der Unabhängigkeit Eritreas sind die Handelsaktivitäten zwar eingeschränkt, doch hat sich der geopolitische Wert der Stadt nicht verringert.
In einer von der Prosperity Party veröffentlichten Erklärung wurde Äthiopiens Wunsch nach Zugang zum Meer als "gerecht" und "legitim" bezeichnet und darauf hingewiesen, dass "anhaltender Druck ausgeübt wurde, um Äthiopiens Seegebiete zu beschlagnahmen und ihm den Zugang zum Meer zu verweigern".
Äthiopiens erneuter Wunsch nach einem Zugang zum Meer hat Assab wieder in den Mittelpunkt strategischer Überlegungen gerückt, auch wenn keine formellen Gebietsansprüche bestehen, wie Analysten sagen.
Abkommen von 2018 nur noch eine ferne Erinnerung
Nachdem der Optimismus nach dem Friedensabkommen zwischen Abiy und Afewerki aus dem Jahr 2018 weitgehend verflogen ist, hat Eritrea Äthiopien vorgeworfen, die regionale Stabilität zu untergraben. Äthiopien dagegen behauptet, Eritrea unterstütze bewaffnete Gruppen, die Addis Abeba feindlich gesinnt seien.
Als Eritrea Mitte Dezember 2025 aus dem Regionalbündnis am Horn von Afrika (IGAD) austrat, wurde dies weithin als deutliche Zurechtweisung interpretiert, mit der die Regierung in Asmara ihre Frustration über das selektive Schweigen innerhalb des Blocks zum Ausdruck bringe.
Damals forderte UN-Generalsekretär Antonio Guterres beide Nationen auf, sich erneut zur Vision eines dauerhaften Friedens und zur Achtung der Souveränität und territorialen Integrität im Rahmen des Abkommens von Algier zu bekennen. Der Politologe Daniel Teklai sagt, dass die Organisation "schweige", wenn Fragen aufgeworfen würden, die direkt die Souveränität Eritreas beträfen.
Die Pattsituation lässt erneut Befürchtungen aufkommen, es könne in einer Region, die sich erst kürzlich aus mehreren Konflikten, darunter dem verheerenden Krieg in Tigray, befreit hat, zu erneuter Instabilität kommen.
Eine direkte Konfrontation zwischen Addis Abeba und Asmara würde die Gefahr einer Störung der Handelswege, der Sicherheitszusammenarbeit und der fragilen politischen Übergänge in der Region am Horn von Afrika mit sich bringen.
Ein Krieg um den Zugang zum Roten Meer?
Bayisa argumentiert, dass Assab nach wie vor tief in der politischen Vorstellung Äthiopiens verankert sei. Das Thema werde "niemals aus der politischen Arena verschwinden", insbesondere unter den älteren Generationen. Die hätten schließlich weiterhin mit der Realität der Unabhängigkeit Eritreas zu kämpfen.
Eine militärische Übernahme von Assab wäre "illegal", so Bayisa. Tatsächlich erklärte Premierminister Abiy den Abgeordneten, dass ein erneuter Konflikt nicht seine Absicht sei. "Wir haben nicht die Absicht, in den Krieg zu ziehen, sondern sind fest davon überzeugt, dass das Problem friedlich gelöst werden kann", erklärte er im Dezember 2025 vor dem äthiopischen Parlament.
Paul Ejime, Experte für internationale Angelegenheiten, sagt, der starke Einfluss Äthiopiens innerhalb der IGAD schüre seit Langem das Misstrauen Eritreas und habe das Land in seiner Überzeugung bestärkt, innerhalb des Blocks an den Rand gedrängt worden zu sein.
Ejime geht davon aus, dass die Spannungen anhalten werden. Ein Grund dafür sei, das Äthiopien und Eritrea aneinandergrenzen und durch "fast künstliche Grenzen" getrennt seien. Er warnt, die Konfrontation könne sich ohne anhaltende diplomatische Bemühungen zu etwas Gefährlicherem weiter zuspitzen.