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Mit der Kamera auf der Fluchtroute

Tabea Goppelt
27. September 2018

Auf der Flucht aus der Elfenbeinküste passierte Kumut Imesh sechs Länder, ehe er Europa erreichte. 13 Jahre später machte er sich auf, seine Route filmisch nachzuverfolgen. Daraus entstand der Dokumentarfilm "Revenir".

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Kumut Imesh
Bild: Kumut Imesh

Ein Anruf alarmierte Kumut Imesh, dass er in seinem Heimatland Elfenbeinküste nicht mehr sicher war. Also flüchtete der politisch aktive Student 2004 über die Grenze nach Ghana. Als er hier auf Landsleute traf, fühlte er sich weiterhin in Gefahr und reiste weiter nach Togo, Benin und Niger. Teilweise zu Fuß gelangte er durch die Sahara nach Algerien, ehe er sich für sieben Jahre in Marokko niederließ.

Dort traf der geflüchtete Ivorer den australischen Filmemacher David Fedele, der gerade nach einem Übersetzer für eines seiner Filmprojekte suchte. Kumut Imesh übernahm den Job. Schon damals sei den beiden die Idee für ihr Filmprojekt gekommen, sagt Fedele im DW-Interview. "Wir haben angefangen, es im Kleinen zu diskutieren, aber ich war nicht sicher, ob es etwas Ernstes ist oder nicht". Erst drei Jahre später konkretisierten die beiden ihre Idee.

Imesh erhielt Asyl in Frankreich. Über Crowdfunding sammelten die beiden rund 20.000 Euro für die Umsetzung ihres Dokumentarfilms. Inzwischen ist "Revenir" (auf Deutsch: Zurückkehren) fertig. Der Film zeigt, wie sich Imesh 13 Jahre nach seiner Flucht auf den Weg macht, derselben Route zu folgen - nur diesmal mit Kameraausrüstung. David Fedele hat ihn als Regisseur unterstützt. Der Film war Teil des Eröffnungsprogramms des Afrika Film Festivals 2018 in Köln.

Flucht aus der Innenperspektive

Auf seinem Weg spricht Imesh mit Geflüchteten - und ist dabei selbst ein Geflohener. Für Fedele war das der Kern der Filmidee: die Flucht-Geschichte aus der Innenperspektive auf eine neue Art zu erzählen. Auf Elemente wie Stimmungsmusik hat der Regisseur dabei bewusst verzichtet. "Wir sagen niemandem, wie er denken oder fühlen soll", sagt Fedele. Es sei nur eine rohe Dokumentation des Lebens auf der Straße. 

David Fedele
Der australische Filmemacher David Fedele führte bei "Revenir" RegieBild: Mankika Kranjec

Imeshs erste Zielgruppe seien Afrikaner, sagt er. Politiker und auch Familien sollten verstehen, wie die Realität der Flüchtenden aussieht. Er möchte die Ursachen der Flucht zeigen und die Schwierigkeit der Reise. "Wir sagen den Menschen nicht, dass sie bleiben sollen oder gehen, wir sagen ihnen nur: So ist die Realität."

Die Internationale Organisation für Migration hat im Jahr 2017 auf dem afrikanischen Kontinent 1700 Todesfälle im Zusammenhang mit Migration gezählt - fast 700 davon aus der Sahara. "Wenn du versagst, bedeutet das den Tod", sagt Imesh über den Versuch, die Sahara zu durchqueren. Dafür möchte er Aufmerksamkeit schaffen.

Stopp auf halber Strecke

In seinem Filmprojekt erreichte Imesh die Wüste nicht. Auf dem Weg nach Agadez im Niger wurde er verhaftet, und tagelang festgehalten, bis er sich und seine Ausrüstung freikaufen konnte. "Revenir" dokumentiert diese Zeit in Form von aufgezeichneten Telefonaten und Textnachrichten zwischen Imesh und Fedele. Der Protagonist war - wie viele Flüchtlinge - ohne gültige Reisedokumente unterwegs gewesen.

Seine größte Schwierigkeit auf der Reise sei seine Kamera gewesen, sagt Imesh. Schmuggler hätten Angst gehabt, er wolle ihr Geschäft denunzieren. Interviewpartner wollten, dass er die Aufzeichnungen wieder löscht. Für die Reise bis nach Agadez waren ein bis zwei Monate eingeplant. Doch Imesh brauchte drei - und gab dann auf.

Filmstill Revenir
Kumut Imesh schaffte es bis in den Niger - wo er verhaftet und mehrere Tage festgehalten wurdeBild: David Fedele

Fedele war seine Kontaktperson für den Notfall. Obwohl er in Marokko war, habe er die Verantwortung und die Gefahren der Filmreise gespürt, sagt der Regisseur. "Es war ein risikoreiches Experiment, aber Kumut kam sicher zurück. Jetzt können wir um die Welt reisen und den Film zeigen". Das Risiko sei es wert gewesen, sagte Fedele.

Eine Fluchtgeschichte von vielen

Seit Dezember vergangenen Jahres touren der Protagonist und der Regisseur um die Welt. Viele Flüchtlinge aus verschiedenen Teilen der Welt würden auf sie zukommen, sagt Fedele, weil sie ihre eigene Geschichte auf der Leinwand wiedererkannten. Es sei ihnen beiden wichtig gewesen, mit ihrem Film die Vorstellung zu durchbrechen, dass die Menschen nur fliehen, um nach Europa zu kommen. Migration passiere meistens in Nachbarländer. 

Imesh will weiter Filme machen und die Reise noch vervollständigen. Derzeit lebt und arbeitet er mit seiner Familie in Paris. Mit seiner Organisation "Aktion der Solidarität für Flüchtlinge" (ACSORE) engagiert er sich für die Integration von Asylbewerbern und Geflüchteten. Auch David Fedele will weiter dafür eintreten, mehr Verständnis zu schaffen für Fluchtursachen: "Diese Idee, Türen zu verschließen, Grenzen zu verschließen für Menschen, die verzweifelt Hilfe suchen - das ist etwas, dass ich persönlich und das wir beide weiterhin bekämpfen werden."