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Die Zerstörung der Wissenschaft in Ungarn

3. Juli 2019

Freie Forschung funktioniert nicht unter politischer Einflussnahme. Die Gesetzesänderung in Ungarn schadet der Wissenschaft und befördert Klientelismus. Und das führt nicht zu Exzellenz, meint Fabian Schmidt.

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Doktorhut auf einem Bücherstapel
Bild: picture.alliance/blickwinkel/BilderBox/McPHOTO

Die Verabschiedung des Gesetzes über den Umbau der ungarischen Wissenschaftslandschaft wird weder zu einer wettbewerbsfähigeren Forschung noch zu wissenschaftlicher Exzellenz führen. Der Grund ist so simpel wie einleuchtend: Niemand kann den Sinn von Forschungsvorhaben besser abschätzen als die Akademiker selbst.

Auch die Wissenschaft ist eine Säule der Gewaltenteilung

Die Wissenschaftsfreiheit, also die Freiheit akademischer und universitärer Institutionen eigenverantwortlich über die Verwendung ihrer von Steuerzahler bereitgestellten Mittel zu entscheiden, ist so zentral für eine freie Forschung wie die Gewaltenteilung für die Demokratie. Ihre Relevanz ist vergleichbar mit der Bedeutung unabhängiger Gerichte, einer freien Presse und der Trennung zwischen Gesetzgebung und Regierung.

Wenn indes politisch besetzte Gremien über den Sinn und Unsinn von Forschung entscheiden, wie ab September in Ungarn, ist wohl klar wohin das führt: Welche Forschung dann gefördert wird, richtet sich sicher eher danach, was der Regierung und konkreter der Regierungspartei FIDESZ auch nützen kann.

Porträtfoto von DW-Wissenschaftsredakteur Fabian Schmidt
Lasst die Akademiker entscheiden, wie sie ihr Geld einsetzen, meint DW-Redakteur Fabian Schmidt.

Kurzfristige Dividende statt Streben nach Erkenntnis

Das wird wohl eher angewandte Forschung sein als Grundlagenforschung, weil die zu schnelleren, politisch gewünschten Ergebnissen führt. Vielleicht entstehen so neue Produkte, die schneller auf den Markt gebracht werden können. Die kurzfristige politische Rendite: Neue Startups und Arbeitsplätze entstehen, es gibt etwas, was man vor Wahlen präsentieren kann.

Aber wissenschaftliche Exzellenz verlangt mehr als das: Grundlagenforschung ist die Voraussetzung für langfristige Innovationsfähigkeit über die Dauer einer Legislaturperiode hinweg. Sie erfordert langen Atem - über Jahrzehnte.

Und auch Grundlagenforschung wirft langfristig immer etwas ab: Der Erkenntnisgewinn nützt der Menschheit. Angewandte Forschung kommt ohne freie Grundlagenforschung nicht aus.

Zum Beispiel wäre die heutige Spitzenmedizin ohne die Entschlüsselung des menschlichen Genoms so nicht denkbar. Viele weitere Beispiele lassen sich finden, in Physik, Chemie und Biologie - um nur einige Disziplinen zu nennen.

Werden die Geisteswissenschaften zur Beute der Politik? 

Verheerender als bei den Naturwissenschaften könnte das neue Gesetz aber in den Geisteswissenschaften einschlagen. Dort ist damit zu rechnen, dass ganze Forschungsbereiche, die politisch nicht genehm sind, Budgetkürzungen oder Streichungen zum Opfer fallen. 

Mehr dazu: Umzug nach Wien: Central European University beugt sich Orbáns Druck

Bereits in der Vergangenheit hatte die FIDESZ geführte Regierung zum Beispiel die Gender-Studien verboten. Nun mag es durchaus berechtigte Kritik daran geben, dass prominente Forscherinnen und Forscher dieser relativ neuen Wissenschaftsdisziplin normativen gesellschaftlichen Wertvorstellungen (etwa dass Männer und Frauen grundsätzlich gleich sind) mehr Gewicht einräumen als empirischen Forschungsmethoden (nämlich dass es doch bestimmte biologische Unterschiede gibt).

Aber auch dieser grundlegend wissenschaftlich-methodische Konflikt hat nichts in Kabinettssitzungen oder in Gesetzesvorlagen im Parlament verloren. Den können die Wissenschaftler sehr gut selbst untereinander austragen.

Nur freie Wissenschaft fördert den gesellschaftlichen Konsens

Natürlich findet Wissenschaft nie völlig isoliert im Elfenbeinturm statt. Auch Forscher stehen im Dialog mit der Öffentlichkeit. Gerade deshalb ist eine politische Vereinnahmung so gefährlich. Das Ergebnis eines offen geführten wissenschaftlichen Disputs ist am Ende auch schwerer anfechtbar. Und wenn es der Wissenschaft dann noch gelingt, ihre Erkenntnisse in der Öffentlichkeit zu vermitteln, stärkt das den gesellschaftlichen Konsens.

Politische Vereinnahmung hingegen führt zu Klientelismus. Haben die jeweiligen Forscher ihre Pöstchen vielleicht wegen des Parteibuchs erhalten? Solche Vermutungen sind das schlimmste, was der Wissenschaft passieren kann: Ein Vertrauensverlust.  

Regierungschef Orban mag mit seiner Gesetzesreform auch das Ziel verfolgen, alten Seilschaften in Instituten und Universitäten das Leben schwer zu machen, die sich nach Ende des Kommunismus dort halten konnten. Aber die verpassten Chancen der frühen Transformationsjahre werden sich im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts nicht dadurch kompensieren lassen, dass man an den Grundfesten der freien Wissenschaft rüttelt.

Die heute aktiven Wissenschaftler haben den Kommunismus bestenfalls noch als Jugendliche oder Studenten erlebt. Die meisten von ihnen sind intellektuell längst im 21. Jahrhundert angekommen. Und für alle anderen gilt: Gegen verstaubtes Denken hilft auch keine Regierungskontrolle, sondern nur der freie akademische Austausch mit der ganzen Welt.

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Fabian Schmidt Wissenschaftsredakteur mit Blick auf Technik und Erfindungen