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Himmlische Töne aus dem Internet

31. Mai 2020

7000 Stunden Musik - mehr als Bach, Mozart und Vivaldi zusammen. So groß wird die digitale Datenbank, die die Ordensschwestern einer französischen Abtei aufnehmen.

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Benediktinerinnen sitzen an Kirchenbänken und blättern in Gesangsbücher
Bild: Waiche Ilan

Sie leben abgeschieden, im Einklang mit Gott und der Natur, auf einem Hügel umgeben von Mandelbäumen, Olivenfeldern und Weinbergen. Jeden Morgen stehen sie um 4:30 Uhr auf, gefolgt von einem persönlichen Gebet um 5 Uhr. "Ora et labora" - bete und arbeite: Ihr Alltag ist gut strukturiert mit viel Arbeit auf den eigenen Feldern und stundenlangen Gebeten. 

Ordensschwestern arbeiten auf dem Feld
Die Benediktinerinnen versorgen sich selbst mit Produkten aus eigenem AnbauBild: Fabrice Veigas

Seit einem Jahr haben die Ordensschwestern der Abtei Notre Dame de Fidélité von Jouques in Südfrankreich noch eine weitere, ganz besondere Aufgabe - sie nehmen jeden Tag für sechs Stunden ihre Gesänge auf. 7000 Stunden werden es am Ende sein, das gesamte liturgische Repertoire des gregorianischen Chorals - es wird die größte Audio-Datenbank mit Kirchenmusik der Welt werden: "Der gregorianische Gesang ist die Jahrtausende alte Stütze des Gebets zahlreicher Generationen von Nonnen und Mönchen. Und wir schreiben uns in diese lange Tradition ein, indem wir uns bemühen, dieses spirituelle und kulturelle Erbe weiterzutragen", antwortete Schwester Armelle von der Abtei Notre Dame de Fidélité von Jouques auf Anfrage der DW.

Eine unfassbare Menge an Psalmen, Gesängen, Gebeten, gesungen in Isolation: "Es werden Gesänge zu hören sein, die bis dato nie aufgezeichnet wurden", sagt John Anderson, der Ideengeber und Produzent des Projekts, in einem Gespräch mit der Deutschen Welle.Die erste Begegnung

Panorama von der Notre Dame de Fidélité von Jouques
Grenzenlos schön: Das Kloster Notre Dame de Fidélité von Jouques in SüdfrankreichBild: Abtei Notre Dame de Fidélité von Jouques

2011 war John Anderson das erste Mal in dem Kloster: "Ich war neugierig zu erfahren, wie es sich in so einem Kloster lebt. Ich bin mit den Ordensschwestern in der Früh aufgestanden und habe versucht, deren Alltag zu folgen. Das hat einen großen Eindruck bei mir hinterlassen, ihre Selbstaufopferung, alles, was sie machen, ist nicht für sich, sondern für die Gemeinschaft, für Gott und für das Gute im Allgemeinen. Ihre Nüchternheit, ihre Stille - und auch das Glück und die Zufriedenheit, die sie dabei verspüren, hat mich beeindruckt", erinnert sich John Anderson an die erste Begegnung mit den Benediktinerinnen, die auch einen Zweig im afrikanischen Benin haben.Vor sieben Jahren wurde dann die Idee geboren: Ursprünglich wollte John Anderson die Gesänge der Benediktinerinnen in Benin aufnehmen, doch die Herausforderungen waren zu groß: "Ich habe spezielle Mikrofone gefunden, die Hitze, Feuchtigkeit und Sand widerstehen können, und zudem wenig Energie benötigen. Aber die fehlende Internetverbindung war ein großes Problem - die einzige Möglichkeit wäre gewesen, die 25 Gigabyte Gesangsaufnahmen pro Tag auf SD-Karten zu speichern und per Post zu verschicken, aber die nächste Poststation ist zehn Stunden Busreise vom Kloster entfernt. Und dann kam auch noch die Regensaison dazu, in der es so laut ist, dass man sich im Kloster nicht einmal normal unterhalten kann." Also packte John all seinen Mut zusammen, und fragte die Äbtissin in Frankreich, wo er ohnehin oft zu Besuch war. Sie war interessiert - unter einer Voraussetzung: "Ich musste die ganze Gemeinschaft überzeugen, also trommelte sie alle Ordensschwestern zusammen, und ich habe in meinem gebrochenen Französisch erklärt, was die Idee und das Ziel war", erinnert sich John Anderson an die Anfänge. Der Produzent und Pianist hatte Glück, denn er konnte auf die tatkräftige Unterstützung seiner Tante rechnen, die seit den 1970ern Jahren dem Benediktinerinnenorden angehört.

Porträtbild von John Anderson
John Anderson - Ideengeber und Produzent des ProjektsBild: Leonardo Onetti Muda

Was sind gregorianische Choräle?

"Die Choräle sind entstanden, noch bevor die Uhr erfunden wurde", sagt Anderson fasziniert. "Es gab keine Metrik, wie wir sie kennen. Die Choräle haben ihr eigenes System, und dennoch gibt es ein Gefühl für die Jahreszeiten und den Tag, und auch wenn sie vor der Erfindung der Zeit entstanden sind, erfüllen sie die Zeit, geben der Zeit eine Bedeutung", sagt John Anderson.

Gesangsbuch im Vordergrund, dunkler Hintergrund
Himmlisch schön: Bis zu sechs Stunden täglich singen die Ordensschwestern aus dem Gregorianischen RepertoireBild: Abtei Notre Dame de Fidélité von Jouques

Der gregorianische Choral ist ein einstimmiger liturgischer Gesang in lateinischer Sprache. Er ähnelt einem Sprechgesang und hat durch seine leisen und ruhigen Töne einen monotonen, meditativen Charakter. Er verzichtet auf Begleitung durch Instrumente, die Melodien sind schlicht, das Tempo langsam. Eine absolute Reduktion der Mittel. 

Er ist nach Papst Gregor I. benannt, der im sechsten Jahrhundert in Rom damit begonnen hatte, die mündlich tradierten Gesänge zu sammeln. Tatsächlich sind die Choräle viel älter, sie sind damit die älteste musikalische Kunstform, die bis heute gesungen wird. Erst 300 Jahre später, im neunten Jahrhundert, wurden die Melodien schriftlich festgehalten in sogenannten Neumen, das sind die Vorläufer der heutigen Notation. Damit wurde der ungefähre Melodieverlauf aufgemalt.

In den letzten Jahren haben die Choralgesänge die Klostermauern durchbrochen - und erfreuen sich großer Beliebtheit, auch unter nicht so regelmäßigen Kirchenbesuchern. "Zehn Jahre, so wurde mir gesagt, dauere das Erlernen der Choräle. Es ist ein riesengroßes Repertoire", sagt John Anderson. Wie soll so etwas technisch aufgenommen werden? Für ihn und sein Team war das Projekt eine große technische Herausforderung.

Technikaufbau, Nonne blickt neugierig
Neuland für die Ordensschwestern: Der technische Aufbau war eine große Herausforderung für alle Beteiligten - für die Nonnen und die TechnikerBild: Odradek Records

Wie zeichnet man in einem Kloster auf?

"Keiner aus meinem Team wollte Mönch werden", lacht John Anderson. Und da also keiner dort permanent bleiben und aufzeichnen wollte, mussten sie ein technisches Umfeld für die Aufnahmen der Gesänge schaffen. Sie hängten acht Mikrofone an die Decke. Dann bekamen die Nonnen ein Tablet und genaue Anweisungen, denn für viele war ein Tablet ein Gegenstand aus einer anderen Welt. "Sie mussten auf einen Knopf drücken, wenn sie mit der Liturgie beginnen und noch einmal, wenn sie fertig waren. Es klappt reibungslos. Sie haben bisher jede Messe aufgezeichnet." 

Das gesamte Team von John auf einem Bild
John Anderson und das Team von Odradek Records wollen bis 2021 das gesamte liturgische Repertoire digitalisieren und im Netz zur Verfügung stellenBild: Tommaso Tujz

Ab dem 1. Juni sind die Gesänge der Benediktinerinnen im Internet frei zugänglich, jeden Tag werden neue Gesänge die Datenbank bereichern. Im Herbst soll eine kostenpflichtige App erhältlich sein. Das Projekt dauert noch bis 2021 - erst dann wird das ganze liturgische Repertoire vollständig aufgenommen sein.
 

DW Mitarbeiterportrait | Rayna Breuer
Rayna Breuer Multimediajournalistin und Redakteurin