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Wie wird Deutschlands Verkehr klimaneutral?

17. Dezember 2020

Deutschland will klimaneutral werden. Dafür müssen die CO2-Emissionen auf null sinken. Wie geht das im Verkehr? Möglich wird dies mit Elektromobilität, mehr Bus, Bahn und Radverkehr. Doch bislang wird noch gebremst.

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COP23, E-Auto, Elektromobilität
Die Neuzulassungen von E-Autos haben sich 2020 gegenüber dem Vorjahr mehr als verdreifachtBild: DW/Gero Rueter

In Deutschland verursacht der Verkehr rund ein Viertel aller Treibhausgasemission - insbesondere PKW, Flugzeuge und LKW tragen zu den klimaschädlichen Abgasen bei. Um die Erderhitzung zu stoppen, müssen diese Emissionen schnellstmöglich auf null sinken - bis spätestens 2050 lautet das Ziel der Bundesregierung.

Klimawissenschaftlern und Umweltaktivisten ist dies zu langsam – sie streben die Klimaneutralität bis spätestens 2035 an, andernfalls könne die Erderwärmung nicht bei 1,5 Grad begrenzt werden.

Infografik Klimawirkung des Verkehrs von Deutschland

Klimaneutral mit E-Motor und Ökostrom

Ein zentraler Hebel für die Wende zur klimafreundlichen Mobilität ist der Wechsel vom Verbrennungs- zum Elektromotor. PKW pusten auf Deutschlands Straßen rund 107 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr in die Luft und LKW 51 Millionen Tonnen (siehe Grafik). Mit dem Umstieg auf Elektroantrieb und Strom aus erneuerbaren Energien lässt sich dieser CO2-Ausstoß auf null senken.

In einer von Agora Energiewende beauftragten Studie zur Klimaneutralität in Deutschland rechnen Experten damit, dass sich beim PKW vor allem E-Autos mit Akku in Zukunft durchsetzen werden.

E-Fahrzeuge werden inzwischen in Deutschland zunehmend nachgefragt. Angesichts von 360.000 Neuzulassungen (Vorjahr 109.000) und einem Marktanteil von inzwischen 13 Prozent (Vorjahr 3%) an den Neuzulassungen, bezeichnet das Center of Automotive Management (CAM) das Jahr 2020 als "Wendepunkt der Elektromobilität in Deutschland".

Im Vergleich zum Verbrenner sind E-Autos mit Akku für die Nutzer in der Gesamtbilanz inzwischen günstiger und im Vergleich zu allen anderen klimaneutralen Optionen die effizienteste Technologie.

Ein E-PKW mit Akku kann laut Expertenbericht fürs Bundesverkehrsministerium mit der Energie von 15 Kilowattstunden Strom rund 100 Kilometer fahren, ein PKW mit Brennstoffzelle und Wasserstoff durch Umwandlungsverluste nur 35 Kilometer und ein PKW mit Verbrennungsmotor mit klimaneutral erzeugtem synthetischen Diesel oder Benzin aus Strom schafft nur 15 Kilometer.

Laut Verkehrsexperte Michael Müller-Görnert vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) geht der Trend klar Richtung E-Fahrzeugen mit Akku. "Die Hersteller setzen schon überwiegend auf die Elektrifizierung. Für VW ist das relativ klar und geht auch gut voran. Damit können sie sich Wettbewerbsvorteile sichern", sagte Müller-Görnert gegenüber DW. "Nur in der öffentlichen Debatte und auch in der Politik ist dieser Trend vielen noch nicht so klar."

Infografik Klimaneutraler Verkehr: Wer ist effizient?  Reichweite nach Antriebstechnik mit 15 kWh Strom  im Vergleich

Ein großes Hemmnis für den Umstieg auf E-Fahrzeuge ist die fehlende Infrastruktur zum Laden. Derzeit gibt es nach Angaben der Bundesregierung rund 35.000 öffentliche Ladestationen. Bei dem Ziel von zehn Millionen Elektrofahrzeugen auf Deutschlands Straßen in den nächsten Jahren würden jedoch laut BMW-Chef Oliver Zipse rund eine Million öffentliche Ladestationen gebraucht und etwa zehn bis elf Millionen private. "Das ist jetzt die ganz große Herausforderung", wird Zipse in der Süddeutschen Zeitung zitiert.

Zusätzliche Hürden bei LKW

Beim LKW sehen Experten ebenfalls die klimafreundliche Zukunft im Wechsel zum Elektromotor. Der Verband der europäischen LKW-Hersteller prognostiziert derzeit das Ende der Produktion von Dieseltrucks um 2040.

Im Nahverkehr werden LKW voraussichtlich ebenfalls mit dem Strom von Akkus angetrieben. Auch hier brauche es den Aufbau einer entsprechenden Ladeinfrastruktur auf den Betriebshöfen "für das Aufladen in der Nacht", sagte LKW-Experte Stef Cornelis vom europäischen Umweltverband Transport and Environment gegenüber DW. 

Im Fernverkehr sind vor allem Oberleitungen an Autobahnen eine sehr effiziente Option unter denen E-LKW mit Stromabnehmer fahren und zugleich die Batterie aufladen können. Teststrecken gibt es bereits in Deutschland, Schweden, China und USA.  

Auf 4.000 Kilometern, einem Drittel des deutschen Autobahnnetzes, sollten Oberleitungen zeitnah aufgebaut werden, empfiehlt Florian Hacker vom Öko-Institut, der das Potential in einer Studie für das Bundesumweltministerium untersuchte. "Die Politik muss den Rahmen geben und damit Planungssicherheit schaffen", so Hacker gegenüber DW. Die Kosten dafür lägen bei rund 12 Milliarden Euro und ließen sich durch Einnahmen aus Mautgebühren finanzieren.

Beim E-LKW gibt es eine weitere Option: die Brennstoffzelle. In dieser wird aus dem zuvor getankten Wasserstoff Strom. Doch auch diese Antriebstechnik ist beim LKW im Vergleich zur Batterie und Oberleitung weniger effizient und die entsprechende Infrastruktur von Wasserstofftankstellen fehlt ebenfalls.

Deutschland E-LKW auf E-Highway in Hessen A5 Teststrecke
E-LKW auf Autobahn bei Frankfurt: In der Gesambetrachtung günstig und effizient Bild: picture-alliance/dpa/S. Stein

Schiene und öffentlicher Verkehr sind besser 

Parallel zur Elektrifizierung der PKW und LKW sollte möglichst viel Verkehr auf die Schiene verlagert werden. Auf Schienen rollen Fahrzeuge leichter und brauchen deshalb weniger als die Hälfte der Energie im Vergleich zum Transport auf der Straße, erklärt Verkehrsexpertin Katrin Dziekan vom Umweltbundesamt (UBA) der DW. Da Loks zudem vorwiegend mit effizienten Elektromotoren fahren, verursacht der Zugverkehr heute im Durchschnitt pro Tonnenkilometer im Vergleich zum Diesel-LKW 6 bis 7 Mal weniger Treibhausgase. 

Die Autoren der Studien zur Klimaneutralität in Deutschland empfehlen auch deshalb den verstärken Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Laut UBA sollte sich in den Großstädten und Metropolen das diesbezügliche Angebot mehr als verdoppeln und in ländlichen Regionen um rund 50 Prozent gesteigert werden. Im Gegenzug sollte der individuelle Autoverkehr vor allem in Großstädten und Metropolen um rund 75 Prozent sinken und in ländlichen Regionen um rund 10 Prozent.

Fridays for Future, Extinction Rebellion sperren Venloerstraße in Köln mit Transparenten und fordern Autofreie Innenstadt und die Einhaltung des in Paris beschlossen Klimaabkommens. Die Sperrung der Straße erfolgt am 12.12.2020, am fünften Jahrestag des Pariser Klimaabkommens.
Aktivisten sperren eine Straße in Köln. Sie fordern die autofreie Innenstadt und die Einhaltung des 1,5-Grad Ziels.Bild: Gero Rueter/DW

 

Alternative zum klimaschädlichen Flug  

Ein großes Problem für den Klimaschutz bleibt der Flugverkehr. Hier empfehlen die Experten ein Bündel von Maßnahmen auf dem Weg zur Klimaneutralität. Zum einen gehe es darum Flüge möglichst zu vermeiden und das Verlagern von möglichst vielen Reisen innerhalb von Europa auf die Schiene als Alternative.

Die EU-Kommission will auch aus diesem Grund das Angebot an Hochgeschwindigkeitszügen in Europa bis 2030 im Vergleich zu heute verdoppeln und die Deutsche Bahn hat zusammen mit den Nachbarländern das Angebot an klimafreundlichen Nachtzügen wiederbelebt.

Für den Luftverkehr selbst ist synthetisch erzeugtes Kerosin aus Ökostrom ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Klimaneutralität. Die erforderlichen Produktionskapazitäten müssten allerdings noch aufgebaut werden. Das Wuppertal Institut empfiehlt in seiner Studie zur Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze, eine Beimischung von zunächst 10 Prozent ab 2026 und den kompletten Ersatz des Kerosins aus Erdöl bis 2035.

Umfassendes Verkehrswende braucht Politik 

In Deutschland gibt es derzeit viel Dynamik für eine Wende im Verkehr. Die Industrie habe die Notwendigkeit für Veränderungen laut Müller-Görnert erkannt und der Druck für eine umfassende Wende nehme auch durch die Proteste der Klimabewegung zu.

Bei der Politik der Bundesregierung gebe es aber noch Nachholbedarf. "Hier hat sich sicherlich etwas bewegt, aber das, was sie eigentlich tun müsste, das lässt nach wie vor auf sich warten", so Müller-Görnert. "Insofern hoffe ich, dass nach der nächsten Bundestagswahl die Zeichen auf einen Wandel stärker gestellt werden."

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Gero Rueter Redakteur in der Umweltredaktion