75 Jahre Goethe-Institut: Deutschlands Stimme in der Welt
22. Juni 2026
Kurz nach ihrem Gespräch mit der DW reist Gesche Joost, Präsidentin des Goethe-Instituts, gemeinsam mit Bundesaußenminister Johann Wadephul nach Mexiko. Das Goethe-Institut in Mexiko-Stadt gehört zu den größten weltweit und steht in ihren Augen exemplarisch für die Arbeit der deutschen Kulturinstitution: "Lateinamerika ist für Deutschland eine unheimlich wichtige Region, zu der wir sehr starke partnerschaftliche Beziehungen haben", erklärt sie. "Und Mexiko ist da einer der herausragenden Partner, gerade auch beim Thema Fachkräfte." So bereitet das Goethe-Institut etwa junge Mexikanerinnen und Mexikaner, die sich für Berufe im Bereich Pflege oder auch Ingenieurwissenschaften in Deutschland interessieren, nicht nur sprachlich vor, sondern auch mit Infos zum Alltag und der Kultur in Deutschland. "Das Institut in Mexiko ist für mich das gesamte Goethe-Institut 'in a nutshell'", sagt Joost.
Heikler Start nach dem Zweiten Weltkrieg
"Goethe" arbeitet nun bereits seit 75 Jahren daran, Deutschland gut im Ausland zu repräsentieren und Menschen rund um den Erdball die deutsche Sprache und Kultur zu vermitteln. Gegründet wurde es 1951 in einer Phase, in der Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und den Verbrechen des Nationalsozialismus international Vertrauen zurückgewinnen musste. Als "Goethe e.V. zur Fortbildung ausländischer Deutschlehrer" lud man zunächst ausländische Lehrkräfte zu Sprachschulungen nach Deutschland ein.
Doch schon bald verlagerte sich der Schwerpunkt auf die Sprachvermittlung im Ausland: 1952 wurde das erste Goethe-Institut in Athen eröffnet, zehn Jahre später gab es bereits 54 Auslandsvertretungen gegenüber 17 Instituten in Deutschland. Heute verfügt das Goethe-Institut über ein weltweit tätiges Netzwerk, das knapp 4400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in 154 Einrichtungen in 100 Ländern beschäftigt. Rund eine Million Menschen legen jährlich eine offizielle Deutschprüfung an einem Goethe-Institut oder bei Partnern ab.
Von der deutschen Klassik zum Jazz
Mit entscheidend für den Erfolg war von Beginn an die Glaubwürdigkeit des Instituts als unabhängiger Verein. Der wird zwar zu zwei Dritteln aus dem Etat des Auswärtigen Amtes finanziert, doch die Programmgestaltung erfolgt eigenständig - und hat sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder dem Zeitgeist und der politischen Lage angepasst. Schnell war klar, dass man sich nicht allein auf die Sprache beschränken wollte: Kultur- und Informationsvermittlung sollten helfen, ein umfassendes Deutschlandbild zu vermitteln. "Und sehr klar war dabei eben auch, dass es nicht darum ging, sogenannte deutsche Kultur in die Welt zu tragen", sagt Gesche Joost, "sondern im Gegenteil gemeinsam zu überlegen: Wie fangen wir wieder neu an, aber auch, wie wollen wir alle zusammen Gesellschaft und Zukunft gestalten?"
In den frühen Jahren knüpfen die Kulturprogramme bewusst an die deutsche Klassik an: Namen wie Schiller, Bach und Beethoven hatte der Nationalsozialismus nichts von ihrer internationalen Strahlkraft nehmen können. In den 1960er-Jahren dann ist deutscher Jazz ein Exportschlager des Instituts. Musiker und Komponist Klaus Doldinger beispielsweise geht mit seiner Band auf zahlreiche Tourneen rund um die Welt. Doch auch die Literaturnobelpreisträger Günter Grass, Heinrich Böll und Herta Müller sind im Laufe der Jahrzehnte im Auftrag des Goethe-Instituts unterwegs.
Mit der Aufbruchsstimmung der 1968er-Generation, Flower-Power und Studentenprotesten gibt es eine weitere Profilveränderung: Jetzt greift das Goethe-Institut auch vermehrt kritische Haltungen zu gesellschaftlichen Themen auf und setzt etwa die Aufarbeitung des Nationalsozialismus aufs Programm.
Dialog und gegenseitiges Lernen
Es ist eine Zeit, in der sich die Bundesrepublik unter dem sozialdemokratischen Bundeskanzler Willy Brandt neu definiert. 1970 verkündet der Soziologe Ralf Dahrendorf, damals Parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt, die neuen Leitsätze: Kulturpolitik wird zur "Dritten Säule der Außenpolitik". Doch Dahrendorf geht es nicht nur um eine Aufwertung, sondern um ein neues Denken. "Was wir geben, ist nur so viel wert wie unsere Bereitschaft zu nehmen", erklärt er: "Offenheit für andere ist daher ein Prinzip unserer auswärtigen Kulturpolitik." Und so entwickelt sich auch das Goethe-Institut weg vom Kulturexport hin zu Dialog, Zusammenarbeit und gegenseitigem Lernen. Dieser Ansatz prägt die Arbeit bis heute.
Während der Teilung Deutschlands konkurrieren Ost und West vor allem zu Zeiten des Kalten Krieges auch auf dem Feld der auswärtigen Kulturpolitik um politische Bündnisse im Ausland. In den Siebzigern streut die DDR-Presse gar das Gerücht, die Goethe-Institute seien Spionageeinrichtungen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 eröffnet das Goethe-Institut zahlreiche neue Standorte in Osteuropa und den ehemaligen Staaten des Ostblocks, darunter auch in Moskau. Im Zuge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine befahl das russische Außenministerium eine drastische Reduzierung des dortigen Personals, doch die Arbeit dort geht trotzdem weiter. Ebenso in der Ukraine, wo der Standort in Kiew seit Kriegsbeginn durchgehend geöffnet blieb. Hier bietet das Institut ein flexibles Hybridkonzept für seine Deutschkurse an: Bei Luftalarm wird der Präsenzunterricht in einen Schutzraum verlegt. Dazu gibt es verschiedene digitale und hybride Formate, auf die Teilnehmende bei Bedarf ausweichen können.
"Zeitenwende" bereits vollzogen
"Ich habe den Eindruck, dass die Arbeit in der Krise in vielen Regionen der Normalfall geworden ist", sagt Gesche Joost. "Entweder, weil die Demokratie zurückgedrängt wird oder weil die Kollegen unter Zensurbedingungen arbeiten - oder weil bewaffnete Konflikte sie bedrohen." In vielen Goethe-Instituten sei die vielbeschworene Zeitenwende längst vollzogen: "Wir haben erkannt, dass wir in Krisenregionen wichtige Partner der Zivilgesellschaft sind. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, sensibel und diplomatisch zu agieren, um nicht ausgewiesen zu werden." Ihre Kolleginnen und Kollegen leisteten dabei sehr gute Arbeit, die ihr Respekt abverlange, so die Präsidentin.
In Zeiten, in denen kulturelle Ausdrucksfreiheit, freie Meinungsäußerung, Wissenschaft und Bildung zunehmend unter Druck geraten, will das Goethe-Institut weiterhin Diskursräume anbieten, in denen offene Auseinandersetzung, kritische Reflexion und kultureller Austausch möglich sind. Das wird derzeit in vielen Ländern der Welt auch durch die deutsche Haltung zum Nahostkonflikt erschwert. Einige Partner in der arabischen Welt haben ihre Zusammenarbeit deshalb erst einmal beendet, anderswo werden Veranstaltungen der Institute boykottiert. "Unsere Aufgabe ist es dann, die deutsche Position und die Historie dahinter zu erläutern, aber auch die Auseinandersetzungen zu dem Thema in Deutschland zu zeigen”, erklärt Gesche Joost. "Gleichzeitig geben wir die Kritik aus vielen Ländern auch nach Deutschland weiter."
Erschwert wird die Arbeit des Goethe-Instituts seit einigen Jahren auch durch empfindliche Kürzungen der Bundesmittel, die eine Transformation inklusive Schließungen von Standorten nötig machte. Gleichzeitig stellt die Integration der wachsenden Zahl ausländischer Fachkräfte Deutschland vor neue Herausforderungen. Hier sieht Gesche Joost ihr Institut als wichtigen Helfer: "Wir sehen, dass viele ausländische Fachkräfte eine Zukunftsperspektive in Deutschland sehen. Dabei ist das Ankommen in Deutschland nicht immer einfach”, erzählt sie. "Um dabei zu unterstützen haben wir unsere Willkommenscoaches, die als Ansprechpartner*innen für Fragen rund um das Leben und Arbeiten in Deutschland zur Verfügung stehen und - gerade am Anfang - Orientierung bieten. Das ist ein wichtiger Beitrag, den das Goethe-Institut in Deutschland leisten kann."
Den runden Geburtstag begeht das Goethe-Institut unter dem Motto "Wir in der Welt" mit Partnern rund um den Globus. Es gibt Konzerte, Performances, Filmreihen und Diskussionsformate; das Festprogramm ist bereits in vollem Gange, Details gibt es hier. Höhepunkt der Feierlichkeiten ist ein offizieller Festakt am 23. Juni 2026 im Haus der Berliner Festspiele in Anwesenheit des Bundespräsidenten und zahlreicher internationaler Gäste.