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Delhi Belly: Wenn fremde Bakterien auf Reisen im Magen toben

3. Februar 2026

"Montezuma’s Rache" & Co.: Warum unser Darm in fremden Ländern so empfindlich reagiert, welche Rolle Keime und Mikrobiom spielen - und ob sich der Körper an das Zielland anpassen kann.

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Frau mit Magenschmerzen hält sich Hände auf Bauch
Das Mikrobiom in unserem Darm ist an die Ernährung des Herkunftslandes angepasst und gerät bei abruptem Wechsel leicht ins Schleudern. Aber Magen und Darm können sich mit der Zeit an das Zielland anpassen. Bild: Thomas Trutschel/photothek/IMAGO

Inder nennen es "Indian Belly", Mexiko‑Reisende "Montezuma's Rache" - das Phänomen ist überall dasselbe: Der Bauch von Reisenden spielt verrückt, obwohl Einheimische das gleiche Wasser trinken und die gleichen Gerichte von der Straßenküche essen.

Warum der Bauch auf Reisen rebelliert

Reisedurchfall ist meist eine Infektion: Häufig sind bestimmte giftbildende E.coli-Bakterien die Ursache, aber auch Salmonellen, Shigellen, Campylobacter oder Parasiten wie Giardia. Diese Darm-Keime infizieren den Magen-Darm-Trakt und führen vor allem zu Durchfall.

Diese Erreger kommen über verunreinigtes Wasser, Eiswürfel, rohe Salate oder schlecht gekühlte Speisen in den Darm. Reisende aus Industrienationen haben gegen viele dieser Keime keine Antikörper; ein einziger Cocktail aus "fremden" Bakterien genügt, um das fein austarierte Darmökosystem aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Zugleich ist der Organismus im Stress: Zeitverschiebung, ungewohnte Hitze, Schlafmangel und häufig auch ein anderer Speiseplan schwächen Barrieren wie Magensäure, Darmschleimhaut und Immunsystem - ein willkommenes Einfallstor für Erreger.

Mikrobenheimat im Umzug

Ein zentraler Faktor ist das Mikrobiom - die Billionen Bakterien, die unseren Darm besiedeln. Sie sind an die Ernährung und Umwelt des Herkunftslandes angepasst und geraten bei abruptem Wechsel ins Schleudern. Studien mit Migrantinnen aus Thailand zeigen, dass sich die Darmflora schon innerhalb von sechs bis neun Monaten deutlich in Richtung des neuen "Mikrobiom‑Profils" des Ziellandes verschieben kann, wenn sich Ernährung und Lebensstil ändern.

​Diese Umstellung verläuft allerdings nicht linear: Manche Menschen bleiben stabil, andere erleben Phasen deutlicher Störungen, inklusive Durchfall und Blähungen. Antibiotika, die viele Reisende bei den ersten Symptomen einnehmen, zerstören zusätzlich große Teile der bisherigen Darmflora und machen Platz für resistente und oft aggressivere Bakterienstämme.

Haben Einheimische wirklich einen "Indian Belly"?

Dass Einheimische "alles essen können", während Gäste krank werden, ist nur teilweise Mythos. Menschen, die von klein auf immer wieder denselben Darmkeimen ausgesetzt sind, entwickeln eine Art Teilschutz: das Immunsystem erkennt typische Erreger schneller und die Schleimhautbarriere ist an bestimmte Belastungen gewöhnt.

Wer mehrmals mit bestimmten Durchfall-Bakterien wie ETEC in Kontakt kommt, kann eine gewisse, aber nicht vollständige Abwehr dagegen entwickeln, das belegen Studien. 

In einer Kohortenstudie mit westafrikanischen Kindern reduzierte eine vorangegangene ETEC‑Infektion das Risiko für erneute Infektionen mit demselben Serotyp um rund 47 Prozent - allerdings ohne vollständigen Schutz gegen andere Varianten.

Auch Einheimische erkranken an Amöben, E.coli oder Giardien - sie merken manche Infektionen nur seltener oder weniger dramatisch, und leichte Verläufe werden oft gar nicht als Krankheit wahrgenommen. Dazu kommen soziale Faktoren: Wer täglich zur Arbeit muss, redet seltener über "etwas dünnen Stuhl", während Reisende mit gleichen Symptomen dazu neigen, den ganzen Urlaub umzuplanen.

Straßenküche mit frittierten Snacks
Schmackhafte Snacks in einer Straßenküche im indischen Jodhpur - wenn der Magen denn das ungewohnte Essen verträgt Bild: Karl-Heinz Schein/imageBROKER/picture alliance

Kann man sich einen "Indian Belly" antrainieren?

Die kurze Antwort: Ja, Magen und Darm können sich an die Keime in einem Land gewöhnen - aber das dauert lange, bleibt unvollständig und ist nicht ohne Risiko. Das Immunsystem baut mit der Zeit eine örtliche Abwehr gegen häufige Durchfall-Erreger auf. Bei Menschen, die lange im Ausland leben (sogenannten Expatriates), nimmt man an, dass sie auch noch mehrere Jahre nach ihrer Rückkehr einen besseren Schutz vor Reisedurchfall haben.

Dieser "Trainingseffekt" hat aber klare Grenzen: Neue oder besonders aggressive Keime, sehr viele Erreger auf einmal oder stark verunreinigtes Wasser können auch langjährige Bewohner krank machen. Außerdem ist die Anpassung umkehrbar: In einer Studie verloren US-Studierende, die in Mexiko eine gewisse Magenrobustheit entwickelt hatten, diesen Schutz innerhalb von etwa zwei Monaten nach ihrer Rückkehr in die USA.

Auch genetische Faktoren beeinflussen, wie wir Immunreaktionen regulieren und Nährstoffe verarbeiten; vermutlich spielen sie auch bei der Anfälligkeit für Darminfektionen eine Rolle.

Warum erkranken Menschen aus Indien, Afrika oder Asien in Europa seltener? 

Das klassische "Traveller's Diarrhoea"-Syndrom trifft vor allem Reisende aus wohlhabenden Ländern, die in Regionen mit schlechterer Wasser- und Lebensmittelsicherheit unterwegs sind.

Umgekehrt gelten Westeuropa, Nordamerika oder Japan als Niedrigrisiko-Ziele für Reisedurchfall: Die Keimbelastung ist deutlich geringer, Leitungswasser meist trinkbar, die Lebensmittelkontrollen sind strenger. Wer aus Regionen mit niedrigeren Hygienestandards anreist, trifft hier also tendenziell auf weniger Erreger als zu Hause.

Hinzu kommt: Viele Menschen aus Indien, Afrika oder anderen Teilen Asiens hatten schon in Kindheit und Jugend wiederholt Kontakt mit enterischen Erregern - das Immunsystem kennt viele dieser Keime, reagiert schneller und oft milder auch auf ihnen unbekannte Erreger in Europa. Entsprechend gibt es kein spiegelbildliches Massenphänomen wie den "Indian belly" bei Europäern, die auf andere Kontinente reisen.

Natürlich können auch Nicht-Europäer in Europa Magen-Darm-Probleme bekommen - etwa durch verdorbene Lebensmittel, Noroviren, ungewohnte Kost oder Stress.

Warum wird manchen Menschen auf Reisen schwindelig?

"Peel it, boil it - or forget it:" Die simple Regel gegen Reisekrankheit

Einen magischen "Schutzbauch" gibt es nicht. Reisende sollten deshalb vor allem alles meiden, was leicht mit Keimen aus verunreinigtem Wasser in Kontakt kommt oder nicht ausreichend erhitzt wurde.

Dazu gehören Leitungswasser, Eiswürfel und Speiseeis, ungeschältes Obst, Salate und rohe Gemüse, rohe oder halb gare Fleisch‑ und Fischgerichte sowie Buffets, bei denen Speisen lange warmgehalten werden. Auch frisch gepresste Säfte oder Lassis können heikel sein, wenn sie mit Leitungswasser gestreckt oder mit Eis serviert werden.

DW Mitarbeiterportrait | Alexander Freund
Alexander Freund Wissenschaftsredakteur mit Fokus auf Archäologie, Geschichte und Gesundheit