Faktencheck: ICE unter Trump - kaum anders als bei Obama?
14. Februar 2026
Die Einwanderungspolitik von US-Präsident Donald Trump stößt zuletzt landesweit auf immer mehr Ablehnung. Laut einer Marist-Umfrage sagen zwei Drittel der US-Bevölkerung, dass die Einsätze der Mitarbeiter der US-Einwanderungsbehörde ICE (Immigration and Customs Enforcement) zu weit gegangen seien. In den vergangenen Monaten sind mehrere Menschen bei Einsätzen gestorben.
Gleichzeitig kritisieren Nutzende in sozialen Netzwerken, Trump werde unfair herausgegriffen und der ehemalige Präsident Barack Obama habe eine mindestens genau so harte Politik betrieben. Einige User verweisen dabei auf Zahlen der Inhaftierten, die während seiner Präsidentschaft in ICE-Gewahrsam gestorben seien oder die angebliche Gesamtzahl der durchgeführten Abschiebungen während Obamas Amtszeit.
DW Faktencheck hat die Behauptungen und Daten überprüft, ob die beiden Regierungen vergleichbar gehandelt haben.
Mehr Todesfälle in ICE-Gewahrsam unter Trump
Behauptung: "56 Menschen starben in ICE-Gewahrsam?!?", behauptet ein Social-Media-Nutzer auf X. Und zwar während der beiden Amtszeiten des demokratischen US-Präsidenten Obama (2009-2017). Weitere Nutzer deuten an, die Zahl der Todesfälle sei unter dem republikanischen Präsidenten Trump ähnlich hoch, und sprechen von gesellschaftlicher Doppelmoral.
In einem Beitrag auf X mit 1,1 Millionen Aufrufen heißt es zum Beispiel: "Die Ära von Obama: 56 Menschen sterben in ICE-Haft, Amerika sagt: Was soll's. (...) Was ist passiert, fragst du dich vielleicht? Keine Unruhen. Keine brennenden Städte. Keine 'Obama ist Hitler'-Transparente. Trump führt Razzien durch und plötzlich ist es das Ende der Zivilisation"
DW Faktencheck: Irreführend
Die Zahl von 56 Todesfällen unter Obama ist nicht ganz korrekt. Die Zahl stammt aus dem Bericht "Tödliche Vernachlässigung: Wie die Behörde ICE Todesfälle in Haft ignoriert" aus dem Jahr 2016. Der Bericht deckt also nur die Zeit bis Anfang 2016 ab. Obamas letztes Amtsjahr endete aber erst Anfang 2017. Laut einer Liste der Einwanderungsbehörde ICE starben insgesamt 67 Inhaftierte während Obamas achtjähriger Präsidentschaft (2009-2017).
Die Zahl der Todesfälle in ICE-Gewahrsam ist unter Trump bereits jetzt höher, wie die untenstehende Grafik zeigt. Nach insgesamt fünf Jahren im Amt (2017-2021, seit 2025) liegt der Wert bei 83 Todesfällen.
Trumps zweite Amtszeit zeigt einen besonders starken Anstieg. ICE zählt Todesfälle nach Haushaltsjahr (Oktober bis September). In den ersten 12 Monaten von Trumps zweiter Amtszeit gab es 37 Todesfälle. Das ist vergleichbar mit der Anzahl der Todesfälle in vier Jahren Amtszeit von Obama.
Der Einwanderungsrechtler Cesar Cuauhtemoc Garcia Hernandez sagte der DW: "Die Trump-Regierung ist derzeit auf dem Weg, die höchste Zahl an Todesfällen von Menschen zu verzeichnen, die ICE in Gewahrsam genommen hat." Der Professor der Ohio State University führt dies darauf zurück, dass mehr Menschen festgehalten und über längere Zeiträume inhaftiert werden.
Todesfälle in Gewahrsam werden getrennt betrachtet von Todesfällen im Zusammenhang mit Einsätzen von ICE. Im Januar 2026 lösten zwei ICE-Schießereien auf US-Bürger einen öffentlichen Aufschrei aus und führten zu einem Rückgang der Unterstützung für die Einwanderungsbehörde.
Hat Obama mehr Menschen abgeschoben als Trump?
Behauptung: "Den Leuten ist nicht klar, dass Obama und viele andere frühere Präsidenten genau die gleiche Haltung zu Abschiebungen hatten", schreibt ein Nutzer auf X. Weitere Social-Media-Nutzende behaupten, dass Obama für viel mehr Abschiebungen verantwortlich gewesen sei als Trump und daher dieselbe Haltung zu Einwanderung gehabt habe.
DW Faktencheck: Irreführend
Während der beiden Amtszeiten der Obama-Regierung schob ICE etwa 3,1 Millionen Menschen ab, mit einem Höchststand von 407.000 Abschiebungen im Jahr 2012. In Trumps erster Amtszeit schob er 932.000 Menschen ab, mit einem Höchststand von 269.000 Abschiebungen im Jahr 2019, basierend auf Daten von TRAC (Transactional Records Access Clearinghouse) der Syracuse University.
Es ist nicht möglich, genau zu berechnen, wie viele Menschen Trump in seiner zweiten Amtszeit hat abschieben lassen, da die Regierung aufgehört hat, die öffentlich zugänglichen Daten zu aktualisieren. Experten schätzen die Zahl auf etwa 300.000.
Auf den ersten Blick hat Obama also weit mehr Menschen abgeschoben - es gibt aber einen entscheidenden Unterschied.
Abschiebungen aus dem Landesinneren vs. Grenzabschiebungen
Experten betonen, dass die Unterschiede zwischen den Regierungen undeutlicher werden, wenn grenzbezogene Abschiebungen mit Abschiebungen aus dem Landesinneren vermischt werden. Was heißt das genau?
David Hausman, Co-Direktor des Deportation Data Project, erklärt: "Viel Verwirrung entsteht dadurch, dass Abschiebungen, die mit einer Festnahme an der Grenze beginnen, in einen Topf geworfen werden mit Abschiebungen, die innerhalb der Vereinigten Staaten beginnen."
Wenn man nur die zweite Kategorie betrachtet - Abschiebungen aus dem Landesinneren - ändert sich der Vergleich stark. Diese Zahl vervierfachte sich laut einer Analyse des Deportation Data Project im Herbst 2025 im Vergleich zum Durchschnitt während Joe Bidens letztem Amtsjahr.
Hausman fügt hinzu: "Zumindest in der zweiten Hälfte des Jahres 2025 schob die Trump-Regierung mehr Menschen aus dem Landesinneren ab als jede Regierung in diesem Jahrhundert."
Menschen auf der Straße statt in Gefängnissen ins Visier genommen
Die große Mehrheit von Obamas Abschiebungen aus dem Landesinnern begann mit Überstellungen aus Gefängnissen oder Haftanstalten - was bedeutet, dass sie Menschen betrafen, die wegen Straftaten verurteilt worden waren. Die Obama-Regierung verwendete dabei eine sehr breite Definition von "kriminell", die auch Menschen mit geringfügigen Verkehrsverstößen einschloss.
Unter Trump konzentriert sich ICE viel stärker auf Menschen ohne strafrechtliche Verurteilung und auf Festnahmen auf der Straße. Er hat die Abschiebungen aus dem Landesinneren auch dadurch erhöht, dass er den rechtlich geschützten Aufenthaltsstatus für Menschen aus Ländern wie Somalia, Haiti und Venezuela widerrief.
Ein weiterer Grund, warum Trumps Abschiebezahlen im Vergleich zu Obamas geringer sind, ist ein Rückgang der Grenzübertritte. Der Anteil der Migranten, die die US-Grenze zu Mexiko erreichen, ist stark gesunken und hat laut dem Pew Research Centerin diesem Jahr seinen niedrigsten Stand seit einem halben Jahrhundert erreicht. Der Rückgang begann Ende 2024, bevor Trump sein Amt antrat, aufgrund der diplomatischen Vereinbarungen von Präsident Biden mit Mexiko und zentralamerikanischen Ländern. Das Ziel: den Grenzschutz zu erhöhen.
Obama und Trump: Einwanderungspolitik wirklich "gleich"?
Behauptung: "Hier ist ICE unter Obama 2016, wie sie all dieselben Dinge tun", schreibt ein User zu einem Video, das er gepostet hat. Eine weitere Person schreibt: "Die Positionen, die ihr jetzt als 'sehr weit rechts' bezeichnet, waren ganz normale demokratische Positionen, als Obama Präsident war". Diese und weitere Kommentare implizieren, dass Obama und Trump ähnliche Haltungen zur Einwanderung haben.
DW Faktencheck: Irreführend
Hiroshi Motomura, Co-Direktor des UCLA Center für Einwanderungsrecht und Politik und ehemaliger Obama-Berater, sagt im DW-Interview: "Ich halte sie [die Einwanderungspolitik, Anm. d. Red] für grundlegend verschieden."
Obamas Ansatz war eine strikte Politik an der Grenze. Dafür wurde er, anders als online behauptet wird,durchaus kritisiert.
Dagegen war Obama gegenüber Einwanderern nachsichtiger, die bereits in den USA lebten. In einer Rede im Weißen Haus sagte er 2014, er wolle "Schwerverbrecher, keine Familien" und "Kriminelle, keine Kinder" verfolgen. Außerdem schuf er das Programm "Deferred Action for Childhood Arrivals" (DACA), das Kinder von Einwanderern ohne Papiere vor Abschiebung schützte.
Trump macht es schwieriger, überhaupt legal in die USA einzuwandern, indem er Gebühren erhöht, behördliche Bearbeitungen verlangsamt und Sicherheitsüberprüfungen intensivierte. Motomura sagt dazu im DW-Interview: "Im Gegensatz zu jedem US-Präsidenten der letzten hundert Jahre ist die Trump-Regierung skeptisch oder sogar feindlich gegenüber dem, was wir legale Migration nennen würden."
Und es gibt eine Reihe weiterer wichtiger Unterschiede in den Ansätzen von Obama und Trump:
Trump weitete das Ausmaß, Einwanderung zu kontrollieren und Bestimmungen durchzusetzen, stark aus. Seine Regierung vervielfachte das Budget, erhöhte die Kapazität von Hafteinrichtungen des Landes, schloss Abkommen mit anderen Ländern, um Abschiebungen in Drittstaaten zu ermöglichen, und entließ erfahrene Einwanderungsrichter, die er durch sogenannte "Abschieberichter" ersetzte.
Trumps Regierung entsandte außerdem Bundesagenten in Städte, normalisierte Festnahmen in Gerichtsgebäuden und setzte eine Rhetorik wie "Invasion" und "Notstand" ein - ein deutlicher Bruch mit seinen Amtsvorgängern, so Motomura.
Dieser Text erschien zuerst auf Englisch.