Lorbeer für Merz: Keine Pannen bei Trump-Besuch
4. März 2026
Bei der öffentlichen Begegnung vor laufenden Kameras bekam der Gast aus Berlin von 33 Minuten Redezeit nur drei. Doch für Bundeskanzler Friedrich Merz, dem von US-Präsident Donald Trump attestiert wurde, er sei ein "sehr erfolgreicher Mann", ein "ausgezeichneter Anführer", der einen "großartigen Job" mache, war das keine schlechte Bilanz: Auch diesmal ging seine Strategie auf, Konfliktthemen hinter verschlossenen Türen zu besprechen und ansonsten Trump glänzen zu lassen.
Heikel war der Zeitpunkt des Besuchs in Washington: Die USA haben neue Zölle verhängt, ihre Hilfe für die von Russland angegriffene Ukraine zurückgefahren, vor allem aber - gemeinsam mit Israel - einen Krieg begonnen, der völkerrechtliche Fragen offenlässt. Im Oval Office versuchte Merz den Eindruck zu erwecken, dass er mit Trump bei den Angriffen gegen den Iran weitgehend auf einer Linie sei.
"Was ist eure Strategie für den Tag danach?"
"Wir sind uns einig, dass dieses schreckliche Regime in Teheran beseitigt werden muss", sagte der Kanzler. Bereits jetzt müsse man über politische Perspektiven und Sicherheitsstrukturen für die Zeit nach dem Konflikt sprechen. Stunden später machte Merz im ZDF-Interview klar, dass er nach seinem Treffen mit den Amerikanern zur Zukunft des Irans noch viele Fragen habe: "Was ist eigentlich eure Strategie für den Tag danach? Gibt es eine Vorstellung davon, wie dieses Land regiert wird?"
Zum Balanceakt wurde die Begegnung, als Trump Deutschland lobte, die NATO-Partner Großbritannien und Spanien aber hart anging. "Wir haben es nicht mit Winston Churchill zu tun", sagte der US-Präsident mit Blick auf den legendären britischen Premier, der großen Anteil am Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg hatte - und ohne den Namen des gegenwärtigen Amtsinhabers Keir Starmer zu nennen. Das Verhalten der Briten sei "schockierend". Das Vereinigte Königreich hatte den USA zunächst verweigert, Angriffe auf die Islamische Republik von britischen Militärbasen aus durchzuführen. Erst am Sonntagabend lenkte Starmer ein und gestattete die Nutzung in begrenztem Umfang.
"Sie waren unfreundlich"
Spanien hatte ebenfalls seine Luftwaffenstützpunkte gesperrt. "Sie waren unfreundlich", sagte Trump. Das südeuropäische Land habe sich "schrecklich" verhalten. Deshalb sei US-Finanzminister Scott Bessent angewiesen, "alle Deals" mit Madrid einzustellen. Welche Abkommen Trump meinte, blieb zunächst unklar. Merz stimmte in die Kritik an Spanien ein - bezog sich jedoch nur auf dessen Weigerung, das gemeinsam vereinbarte Ziel zu den NATO-Verteidigungsausgaben einzuhalten.
Trumps Drohung, Wirtschaftsbeziehungen zu Spanien - Deutschlands EU-Partner - zu kappen, trat Merz später entschieden entgegen. Auch hier wählte der Kanzler indes nicht die offene Bühne, sondern den Cabinet Room, den Konferenzraum der US-Regierung, wo sich ein Mittagessen im kleinen Kreis anschloss. Merz legte seine Einwände später in den ARD-"Tagesthemen" offen. "Ich habe ihm sehr deutlich gesagt: Du kannst hier keinen isolierten Vertrag mit Deutschland abschließen - oder einen Vertrag mit ganz Europa, aber mit Spanien nicht."
Klaps aufs Knie
Im Zollstreit mit der EU bekräftigte Trump seine Absicht, eine weltweite Abgabe von 15 Prozent auf Einfuhren in die Vereinigten Staaten durchzusetzen. Zudem suche seine Regierung weiter nach Möglichkeiten, verschiedene Zollsätze für unterschiedliche Länder zu erheben. Vor den Journalisten aus aller Welt witzelte der US-Präsident, an seinen Handelsbeauftragten Jamieson Greer gewandt: "Wie behandeln wir Deutschland? Ich denke, bei denen solltest du sehr, sehr hart zuschlagen!" Dabei gab er Merz einen Klaps aufs Knie.
Der schwieg zu dem Thema zunächst - und ließ Bilder sprechen, indem er dem Gastgeber das Faksimile eines Freundschafts- und Handelsvertrags zwischen den USA und Preußen aus dem Jahr 1785 überreichte. Im Anschluss an die Begegnung sagte Merz, er habe den US-Präsidenten eindringlich gebeten, zu einem Abschluss des Handelsabkommens zu gelangen, das die EU mit den Amerikanern im Sommer errungen hatte. Der Vertrag müsse "schnellstmöglich" unterzeichnet und in Kraft gesetzt werden.
Das EU-Parlament hatte die Beratungen über den Zoll-Deal angesichts der Turbulenzen gestoppt. Merz fügte in einem Statement zum Abschluss der Reise hinzu, er habe Trump auf das "vielfach höhere Dienstleistungsbilanzdefizit" zwischen der EU und den Vereinigten Staaten verwiesen. Trump sehe immer nur den Warenaustausch. "Bis jetzt sind wir nicht auf die Idee gekommen, diese Dienstleistungen, die aus Amerika in Europa erbracht werden, mit besonderen Zöllen zu bestrafen", warnte der Kanzler. Ein Abkommen, das den transatlantischen Handel stärker belaste als die Vereinbarung vom August, "steht für uns, für die Europäische Union, auch für mich persönlich, nicht zur Debatte".
Zu viele "bad guys"
Der CDU-Politiker aus dem Sauerland, der vor seiner Zeit als Kanzler Aufsichtsratschef des deutschen Ablegers von Blackrock, des weltgrößten Vermögensverwalters, war, spricht nicht nur ordentliches Englisch - wie er in Washington erneut unter Beweis stellte. Er versteht auch die Sprache des Republikaners Trump. Das zeigte sich nicht zuletzt bei der Gratwanderung, die mit Blick auf den Ukraine-Krieg erforderlich war.
Im Weißen Haus betonte Merz, die Bemühungen um ein Ende des Konflikts dürften nicht nachlassen. Dann schob er eine Begründung nach, die aus dem Munde des US-Präsidenten hätte kommen können: Es gebe zu viele "bad guys", also schlechte Kerle oder Bösewichte, auf dieser Welt. Der russische Präsident Wladimir Putin wurde nicht erwähnt. Trump versicherte, das diplomatische Ringen um eine Friedenslösung stehe weit oben auf seiner Prioritätenliste.
Erst nach dem Treffen wurde der deutsche Regierungschef deutlicher. Er verlangte von Trump mehr Duck auf Moskau und pochte darauf, Europa in die Verhandlungen einzubeziehen. "Wir sind nicht bereit, ein Abkommen zu akzeptieren, das über unsere Köpfe hinweg verhandelt wird", betonte Merz in Washington. Viele internationale Beobachter registrierten aufmerksam, was sich im Weißen Haus abspielte - war der Gast aus Berlin doch der erste europäische Spitzenpolitiker, der seit Beginn des Iran-Kriegs am Samstag mit dem US-Präsidenten zusammenkam.
"Sehr interessante Zeiten"
Was die Journalisten mit Kameras und Mikrofonen einfingen, bestätigte den Eindruck vom Juni, als Merz seinen Antrittsbesuch in den Vereinigten Staaten gemacht hatte: Der Christdemokrat, den Trump als "Freund" bezeichnete, welchen er "in sehr interessanten Zeiten" treffe und der "ziemlich das Gegenteil" seiner Vorvorgängerin Angela Merkel sei, scheint fest als einer von vier Lieblingseuropäern des US-Präsidenten etabliert - neben der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, dem finnischen Präsidenten Alexander Stubb und dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán.
Nur NATO-Generalsekretär Mark Rutte thront als "Trump-Flüsterer" im Urteil der Presse noch darüber. Doch ob die gute Chemie zwischen Berlin und Washington sich am Ende in handfesten Ergebnissen niederschlägt, ob die leisen Einwände nicht nur gehört, sondern auch berücksichtigt werden, ob der diplomatisch samtpfotige Kurs im Kanzleramt der Europäischen Union insgesamt und der von ihr unterstützten Ukraine zugutekommt - darüber dürften erst die kommenden Monate entscheiden.
jj/pgr (dpa, afp, rtr)
Redaktionsschluss 17.30 Uhr (MEZ). Dieser Artikel wird nicht weiter aktualisiert!