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Griechenland: Generalstreik gegen längere Arbeitszeiten

Kaki Bali (aus Athen)
30. September 2025

Seit vergangenem Jahr gibt es in Griechenland eine Sechs-Tage-Woche für Arbeitnehmer. Nun soll der 13-Stunden-Tag folgen. Doch die Arbeitnehmer lehnen den Plan ab. Sie haben für Mittwoch einen Generalstreik angekündigt.

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Eine Frau steht in einer leeren Flughafenhalle und schaut auf eine Anzeigentafel, auf der die ausgefallenen Flüge angezeigt werden
Generalstreik: Am Mittwoch sollen in Griechenland alle Flüge, Fähren und Zugverbindungen ausfallen - hier ein Bild vom 9.04.2025Bild: Costas Baltas/Anadolu/picture alliance

"Ich kann nicht 13 Stunden am Tag arbeiten und ich erwarte das auch von meinen Mitarbeiterinnen nicht", sagt Anni, die Chefin des Schönheitssalons "64" in Pagrati, im Zentrum von Athen. Sie ist überzeugt, dass auch ihre Kundinnen mit der Arbeit einer erschöpften Kosmetikerin nicht zufrieden sein können. Darum fragt sie sich, warum die griechische Arbeitsministerin Niki Kerameos unbedingt einen 13-Stunden-Arbeitstag gesetzlich ermöglichen will.

Die Antwort der Ministerin in mehreren Interviews: Es geht nur um eine Ausnahmeregelung, nur für 37 Tage im Jahr und zwar "im Interesse der Arbeitnehmer". 

Die Gewerkschaften lehnen die Pläne der Ministerin ab und versuchen den Gesetzentwurf "zur Flexibilisierung der Arbeitszeit", der demnächst ins Parlament kommt, zu kippen. Für Mittwoch (1.10.2025) haben sie daher zu einem Generalstreik aufgerufen. Sie wollen Griechenland an diesem Tag lahmlegen: Die Schiffe sollen in den Häfen, die Flugzeuge am Boden und die wenigen Züge, die es gibt, in den Bahnhöfen bleiben. 

Sechs-Tage-Woche für Arbeitnehmer

Schon vor diesem neuen Gesetzentwurf hatte die konservative Regierung von Premier Kyriakos Mitsotakis den griechischen Arbeitsmarkt zu einem der "flexibelsten" Europas gemacht. Seit Juli 2024 müssen Arbeitnehmer in der Industrie, dem Einzelhandel, der Landwirtschaft und in einigen Dienstleistungen sechs Tage pro Woche arbeiten, wenn der Arbeitgeber das so entscheidet. Für den zusätzlichen 6. Tag wird ein Zuschlag von 40 Prozent des Tageslohns gezahlt. 

Eine Frau mit dunklem Haar (Niki Kerameos) steht an einem Rednerpult und gestikuliert
Die griechische Arbeitsministerin Niki Kerameos will den Arbeitsmarkt flexibilisierenBild: Michalis Karagiannis/Eurokinissi/ANE/picture alliance

Im Allgemeinen gilt in Griechenland zwar immer noch die 40-Stunden-Woche, aber die Arbeitgeber dürfen für eine begrenzte Zeit bis zu zwei unbezahlte Überstunden pro Tag verlangen und im Gegenzug mehr Freizeit anbieten. Theoretisch ist das zwar auf freiwilliger Basis, doch in vielen Betrieben werden Arbeitnehmer gezwungen, länger zu arbeiten  - und das ohne jeglichen Ausgleich.

Auch der 13-Stunden-Arbeitstag soll auf freiwilliger Basis beruhen, betont die Arbeitsministerin. Niemand sei zu Überstunden verpflichtet, so Niki Kerameos.

Negative Auswirkungen auf die Produktivität

Doch kann ein Arbeitnehmer wirklich ablehnen, wenn er zu Überstunden aufgefordert wird? Theodoros Koutroukis, Professor für Arbeitsbeziehungen an der Democritus-Universität von Thrakien sagt: "Nein. Das geht nicht, ohne dass es Konsequenzen gibt, denn der einzelne Arbeitnehmer hat nur minimale Verhandlungsmacht."

Koutroukis warnt, dass sich die neue gesetzliche Regelung nicht positiv auf den Arbeitsmarkt auswirken werde. Die Verlängerung der täglichen Arbeitszeit dürfte zu einer Verringerung der beruflichen Zufriedenheit der Beschäftigten und einem Rückgang der Produktivität führen, sagt er im Gespräch mit der DW. Dies wiederum führe zu einer Verschlechterung der Qualität der produzierten Waren und Dienstleistungen und sogar zu einem Anstieg der Lohnstückkosten. Darüber hinaus könnte die gesetzlich ermöglichte Arbeitszeitverlängerung das Gleichgewicht zwischen Familien- und Berufsleben beeinträchtigen und die Möglichkeiten der Arbeitnehmer einschränken, ausreichend Zeit für ihre berufliche Weiterbildung und Entwicklung aufzuwenden, fügt der Professor hinzu.

Porträtaufnahme eines Mannes (Theodoros Koutroukis), der in die Kamera schaut
Der Arbeitsmarktexperte Theodoros Koutroukis hält nichts von den geplanten ArbeitszeitverlängerungenBild: Theodoros Koutroukis

Die gesetzliche Begünstigung der Verlängerung der täglichen Arbeitszeit trage zudem nicht zur Vertiefung der partnerschaftlichen Beziehungen zwischen den Sozialpartnern bei, mahnt Koutroukis. Der Experte schlägt vor, in Ausnahmefällen, in denen es in einer Branche oder einem Produktionsbereich notwendig erscheint, für einen kurzen Zeitraum zusätzliche Arbeitsstunden einzuführen. Dies könnte von Arbeitgebern und Arbeitnehmern durch den Mechanismus der Tarifverhandlungen geregelt werden.

Flexible Arbeitszeiten nach Bedürfnissen des Arbeitgebers

Neben der Einführung einer 13-stündigen Tagesarbeitszeit, stehen in Kerameos' Gesetzentwurf eine "flexible" Verteilung der Urlaubstage, flexible und kurzfristige Zuteilung von Mehrarbeit von 120 Minuten pro Tag und Abrufbarkeit von Arbeitnehmern per App. Kriterium sind "dringende Bedürfnisse der Firmen". Auch eine Vier-Tage-Woche bei 40 Stunden Wochenarbeitszeit ist möglich.

Die Arbeitsministerin schwärmt von dieser Arbeitsmarktreform, die "die Gesetzgebung an die Realität anpasst". Arbeitsexperten dagegen stufen sie als Legalisierung aller Verstöße von Arbeitgebern ein, die in der Vergangenheit registriert wurden.

Arbeitszeitverlängerung statt zwei Jobs

Wegen der niedrigen Löhne arbeiten viele Arbeitnehmer in Griechenland in zwei Jobs. Mit der neuen Regelung wird man bei einem Arbeitgeber 13 Stunden arbeiten können. "Wenn du das bei zwei Arbeitgebern machen kannst, also dein Motorrad nehmen und den Ort deiner Arbeit wechseln kannst, warum solltest du dann nicht die Möglichkeit haben, dies bei einem Arbeitgeber zu tun und zusätzlich 40 Prozent mehr zu verdienen?", ist die Frage, die Kerameos immer wieder öffentlich stellt.  

Ein Bahnhof mit leeren Gleisen und verlassenen Bahnsteigen
In Griechenland legen Generalstreiks immer wieder den öffentlichen Verkehr lahm - hier im März 2023 in AthenBild: Thanassis Stavrakis/AP Photo/picture alliance

Dahinter verbirgt sich aber die Frage, warum so viele Menschen in Griechenland nicht von ihrem 40-Stunden-Job leben können und auf Überstunden oder zwei Jobs angewiesen sind. Laut Eurostat arbeiten die Arbeitnehmer in Griechenland viel, mit mehr als 1886 Stunden pro Jahr mehr als alle anderen Europäer. Trotzdem haben sie eine geringere Produktivität - vielleicht weil sie so viel arbeiten - und eine geringere Kaufkraft (30 Prozent unter dem EU-Durchschnitt). Bereits jetzt also arbeiten die Griechen viel. Nach dem Willen der Regierung soll es noch mehr werden.

Griechische Gewerkschaften: "Es reicht!"

Der griechische Gewerkschaftsbund GSEE lehnt den 13-Stunden-Tag ab. "Erschöpfung ist kein Aufschwung, die menschliche Belastbarkeit hat Grenzen", wird das Motto der Proteste in Athen sein.

Die Gewerkschaft kämpft stattdessen für die Verkürzung der Arbeitszeit auf 37,5 Stunden pro Woche, wie sie bereits in vielen europäischen Ländern umgesetzt wird.

In ihrem Aufruf zum Generalstreik am 1.10.2025 schreibt die Führung der GSEE: "Die griechischen Arbeitnehmer, die bereits mehr Stunden pro Jahr arbeiten als alle ihre Kollegen in der Europäische Union und zu einem überwältigenden Prozentsatz von Burnout und Überlastung berichten, sehen sich nun mit einer Dystopie konfrontiert. Es reicht. Wir halten es nicht mehr aus."

Ob dieser Streik das 13-Stunden-Arbeitstaggesetz kippen kann, ist offen. Auf jeden Fall geht Griechenland in einer Zeit, in der die Menschen in der Europäischen Union die 35-Stunden-Woche oder die Vier-Tage-Woche fordern, in die entgegengesetzte Richtung. 

Foto-Porträt einer Frau mit braunen Haaren, blauen Blazer und grauem T-Shirt
Kaki Bali DW-Korrespondentin in Griechenland