Irankrieg: Droht eine neue Ölkrise wie in den 1970ern?
26. März 2026
Werden bald wieder Spaziergänger über deutsche Autobahnen schlendern? Die gegenwärtige Lage im Nahen Osten und die stark steigenden Ölpreise erinnern an die beiden Ölkrisen 1973 und 1979. Damals reduzierten die arabischen erdölproduzierenden Länder ihr Angebot und die Ölpreise schossen in die Höhe. Viele westliche Länder mussten Sparmaßnahmen einführen. Deutschland beschloss unter anderem vier autofreie Sonntage. Und heute?
Man stehe vor der "größten Bedrohung der Energiesicherheit in der Geschichte der Menschheit", sagte Fatih Birol am Montag im National Press Club of Australia. Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA) hält die Krise im Nahen Osten für schlimmer als die beiden Ölschocks von 1973 und 1979 zusammen. Damals ging es um "jeweils etwa fünf Millionen Barrel Erdöl pro Tag, die fehlten", so Birol. "Heute geht es um elf Millionen Barrel pro Tag."
Ähnlich düster schätzt er die Entwicklung auf dem Gasmarkt ein. Birol sagte, im Vergleich zu der Situation nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Jahr 2022 habe sich die Menge des weltweit fehlenden Gasangebots verdoppelt.
In den 1970er Jahren trieb das geringere Ölangebot die Ölpreise in die Höhe und damit auch die Preise anderer Güter und letztendlich die Inflation. Gleichzeitig reduzierte sich die Industrieproduktion und das Wirtschaftswachstum in den Industrieländern. Deutschland rutschte in eine Stagflation.
Ölpreise sind nicht so stark gestiegen wie in den 1970ern
Durch den jetzigen Irankrieg hat sich das Ölangebot um etwa acht Prozent reduziert, aufgrund der Schließung der Straße von Hormus. "Damals sank das weltweite Angebot an Öl nur um etwa fünf Prozent. In dieser Hinsicht ist der Schock tatsächlich ausgeprägter als 1973, 1974," sagt Klaus-Jürgen Gern vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel.
Der entscheidende Unterschied zu den 1970er Jahren sei, dass damals die Ölpreise um ein Vielfaches gestiegen seien, so Gern. "1973 auf 1974 haben sich die Ölpreise vervierfacht. 1979 nochmal verdreifacht", so der Ökonom im Gespräch mit der DW. Obwohl das Embargo Anfang 1974 aufgehoben wurde und die Angebotsmenge an Öl sogar gestiegen war, habe die OPEC die Ölpreise im restlichen Jahrzehnt hoch gehalten - mit entsprechender Wirkung auf die Wirtschaft weltweit.
Heute sieht das anders aus. "Ölpreise von über 100 Dollar haben wir gelegentlich schon mal erlebt, zuletzt nach dem Einmarsch der Russen in die Ukraine," sagt Gern. Aber auch 2007, 2008 und nach 2011 hätten die Ölpreise solche Höhen erklommen. "Insofern ist das jetzt nicht eine neue Welt," so Gern. "Das war in den 1970ern anders. Da waren die Abnehmerländer mit Preisen konfrontiert, die sie nicht kannten." Und man wusste nicht, wie lange die Ölpreise hoch bleiben würden.
Hinzukommt, dass die jetzigen hohen Ölpreise durch den Angebotsrückgang bedingt seien. Dieser Angebotsrückgang entstehe durch die Blockade der Straße von Hormus und die daraufhin heruntergefahrenen Produktionsanlagen und nicht dadurch, dass Kriegsschäden die Produktion unmöglich gemacht hätten.
Daher könne man davon ausgehen, dass sich sowohl Angebot als auch Preise wieder auf ein Vorkriegsniveau einpendeln, wenn der Konflikt beendet wird, glaubt Gern. Auch von der Deutschen Bank Research heißt es: Die Märkte preisen weiterhin keinen anhaltenden Ölschock ein.
Energieinfrastruktur getroffen oder heruntergefahren
Einige Schäden durch iranische Angriffe gibt es allerdings schon. Mehr als 40 Energieanalagen in neun Ländern des Nahen Ostens seien schwer beschädigt worden, sagte Biral. Selbst wenn der Krieg beendet würde und Schiffe wieder die Meerenge von Hormus befahren könnten, brauche es eine "lange Zeit", bis beschädigte oder stillgelegte Öl- und Gasfelder wieder in Betrieb genommen werden könnten. "Bei einigen wird es sechs Monate dauern, bei anderen viel länger", so Birol gegenüber der Financial Times.
So gab beispielsweise Katar bekannt, dass allein durch die iranischen Angriffe auf den weltgrößten Komplex für verflüssigtes Erdgas (LNG) drei bis fünf Jahre lang 17 Prozent weniger Flüssiggas geliefert werden könnten.
Christoph Rühl von der Columbia Unversität in New York relativiert diese Aussagen. Er meint, erst wenn die Blockade der Straße von Hormus wirklich länger andauert und mehr Ölanlangen zerstört werden, würden wir in eine schwere Krise geraten. In Bezug auf Katar gibt er beispielsweise zu bedenken, dass von dort etwa 20 Prozent des weltweiten Gases kämen. Damit seien nur vier Prozent der Weltgasmenge von den Schäden in Katar betroffen, so Rühl.
Notfallmaßnahmen sollen Hunger nach Erdöl stillen
Zum Tragen kommt außerdem, dass der Ölmarkt heute im Vergleich zu den 1970er Jahren viel diversifizierter ist. Lieferten die OPEC-Staaten 1973 noch über die Hälfte des Rohöls der Welt, haben sie inzwischen nur noch einen Anteil von knapp über 36 Prozent. Die USA waren damals schon das größte Ölförderland und sind es immer noch. In den letzten zehn Jahren haben sie aber nochmal stark zugelegt und das zusätzliche Ölangebot auf dem Weltmarkt fast vollständig (90 Prozent) geliefert.
Trotz der Ölkrisen, die in den 1970er Jahren den Westen schmerzlich die Abhängigkeit vom Nahen Osten und seinem Öl haben spüren lassen, ist die Nachfrage nach Öl weiter gestiegen. Lag das weltweite Angebot 1973 noch bei weniger als 60 Millionen Barrel pro Tag, erreichte es 2022 bereits fast 94 Millionen Barrel pro Tag.
Um diese Nachfrage abzusichern, wurden aber Notfallmaßnahmen beschlossen und Ölreserven aufgebaut. Diese globalen Ölreserven erreichten Anfang dieses Jahres mit 8,2 Milliarden Barrel den höchsten Stand seit Februar 2021, so die Internationale Energieagentur (IEA).
Sie machen es möglich, die derzeitigen Angebotsausfälle aus dem Nahen Osten abzufedern. Ein Teil der Ölreserven wurde bereits freigegeben, um den Ausfall von Öl aus dem Nahen Osten in Höhe von elf Millionen Barrel am Tag auf acht Millionen Barrel am Tag zu begrenzen. Um die Angebotsknappheit zu lindern, haben außerdem die USA die Sanktionen gegen russisches und iranisches Öl, das sich bereits auf See befindet, vorübergehend ausgesetzt.
Den Reserven sei es zu verdanken, dass der Ölpreis nicht noch höher ist, obwohl am Markt vermutlich - zumindest zeitweise - bereits mit einem über einige Monate andauernden Krieg gerechnet wurde, heißt es von der Commerzbank Research. Die IEA-Mitgliedsländer legten in den vergangenen zehn Jahren auch größere Gasvorräte an, um Engpässe abzufedern.
Es kommt auf die Länge des Irankrieges an
"Geht man von den OECD-Beständen aus, sowohl kommerziellen als auch strategischen, dann könnten die den Wegfall der Öllieferungen über die Straße von Hormus für etwa neun Monate kompensieren", sagt Carsten Fritsch, Rohstoffanalyst der Commerzbank gegenüber der DW. Auch China habe strategische und kommerzielle Reserven aufgebaut, die den Importbedarf Chinas aus dem Mittleren Osten für rund sieben Monate abdecken könnten, so Fritsch.
Wie lange der Irankrieg anhält, ist völlig unklar. Zwar hat Donald Trump jüngst verkündet, es gebe "produktive" Gespräche mit dem Iran, was der allerdings dementiert. Damit ist auch unklar, wie sich das Angebot von Öl und Gas längerfristig entwickelt.
Auch wenn es derzeit nicht so schlimm ist wie in den 1970ern - die Wirtschaft hat den Irankrieg schon zu spüren bekommen: "Wir werden zwei Dinge erleben: die Inflation wird kurzfristig steigen und die Produktion gedämpft werden, weil der Verbrauch von Öl wenn möglich runtergefahren wird", so Gern.
Während in Deutschland weiter alle Fahrzeuge auf den Autobahnen unterwegs sind, wurden in einigen Ländern schon Maßnahmen eingeführt, um Energie zu sparen. So hat Pakistan unter anderem die Fans seines wichtigsten Cricket-Turniers angewiesen, zu Hause zu bleiben und die Spiele im Fernsehen zu verfolgen, um Treibstoff zu sparen. Die Pakistan Super League, das größte Sportereignis des Landes wird damit in diesem Jahr zu einer Online-Veranstaltung.