Was Afrikas Ölproduzenten gegen Preisschocks tun können
16. März 2026
Die Schließung der Straße von Hormus an der Küste Irans ist von zentraler Bedeutung für den Handel mit Öl und Flüssigerdgas. Etwa ein Fünftel des weltweiten Öltransports wurden bisher über dieses Nadelöhr abgewickelt. Das schürt die Versorgungsängste der Abnehmer und wirft Fragen nach alternativen Bezugsquellen auf - zum Beispiel aus Afrika.
Können Afrikas Ölländer kurzfristig ihre Produktion erhöhen und so die Weltmarktpreise stabilisieren? "Afrikanische Länder spielen kurzfristig nur eine Nebenrolle", sagt Robert Kappel der DW. "Sie können helfen, aber nicht schnell genug und nicht in der Größenordnung, die erforderlich wäre", sagt der frühere Präsident des Hamburger GIGA-Instituts.
Afrika spielt kurzfristig keine Rolle bei der Energieversorgung
Beispielsweise habe Nigeria seine Förderung zwar wieder erhöht. Aber um mehr zu produzieren, wären Investitionen notwendig - es gebe höchstens mittelfristig eine Möglichkeit, zu agieren. Kleinere Länder wie Kamerun und Äquatorialguinea hätten keine Reserven und könnten ihre Produktion nicht steigern.
Ein weiterer Faktor: "Internationale Ölkonzerne, die in den afrikanischen Ländern produzieren, haben in den letzten Jahren ihre Investitionen reduziert, teilweise an nationale Regierungen oder Gesellschaften verkauft und zugleich die Erschließung neuer Ölfelder zurückgefahren", sagt Kappel. Die Kapazitäten müssten also erst mühsam wieder erweitert werden, um künftig eine Rolle auf den internationalen Ölmärkten zu spielen.
Afrika könne kurzfristig nur einen überschaubaren Beitrag angesichts der aktuellen Versorgungs-und Preiskrise mit Öl und Gas liefern, sagt auch Stefan Liebing, Geschäftsführer des Investments-Unternehmens Conjuncta mit Fokus auf den afrikanischen Kontinent. "Die Rolle Afrikas liegt stärker mittelfristig, vor allem in der Versorgung mit Erdgas", so Liebing zur DW. Bereits seit 2022 buhlen europäische Interessenten um afrikanisches Gas, weil sie nicht länger in Russland kaufen und damit die Kriegskasse für den Ukraine-Krieg auffüllen wollen.
Eigentlich müsste die Weltwirtschaft angesichts der Klimakrise und der Pariser Klimaziele längst ihren Verbrauch von fossilen Rohstoffen reduzieren. Kurzfristig ist die Abhängigkeit gerade vom Erdöl jedoch so groß, dass die Preisanstiege seit Beginn der US-israelischen Angriffe auf Iran unabsehbare Folgen für Unternehmen, Regierungen und Verbraucher weltweit haben.
Nigeria ist Afrikas größter Ölproduzent und hat "definitiv das Potenzial" für höhere Fördermengen, sagt der nigerianische Analyst Ayodele Oni der DW. Das Land verfüge jedoch derzeit nicht über die vollständigen technischen und operativen Kapazitäten, um auf globale Versorgungsunterbrechungen zu reagieren. "Das größte Hindernis ist das Fehlen nennenswerter Reservekapazitäten", sagt Oni.
Im Ölmarkt-Monatsbericht für März 2026 der Internationalen Energieagentur (IEA) wurde Nigerias Förderleistung mit 1,42 Millionen Barrel pro Tag angegeben - die darüber hinaus verfügbare Kapazität lag bei Null. "Das bedeutet praktisch, das derzeitige Produktionsniveau spiegelt bereits das maximale Volumen wider, das das Land kurzfristig aufrechterhalten kann", erklärt Oni. "Es ist kein Puffer vorhanden, der als Reaktion auf Marktschocks schnell aktiviert werden könnte."
Woran es bei Nigerias maroder Ölindustrie hapert
Hinzu kommen laut Oni mangelhafte Infrastrukturen, ein veraltetes Pipeline-Netz, Unterfinanzierung und Sicherheitsprobleme im Nigerdelta, dem Zentrum der nigerianischen Ölwirtschaft. Darüber hinaus hemmen lange Entwicklungszeiten für große vorgelagerte Projekte, insbesondere Tiefsee-Erschließungen, ein schnelles Produktionswachstum. "Bei solchen Projekten vergehen oft mehrere Jahre zwischen der Genehmigung der Investition und der ersten Ölförderung. Das bedeutet, dass selbst steigende globale Preise, die Anreize für Investitionen schaffen, keine neuen Mengen hervorbringen würden", betont Oni.
Zwar habe Nigeria keine neuen Maßnahmen speziell als Reaktion auf die aktuelle globale Versorgungskrise eingeführt, doch es gebe seit langem Initiativen zur Steigerung der Öl- und Gasproduktion, die aktuell zunehmend vorangetrieben würden. Als wichtiges Beispiel nennt Oni das von der Regierung unterstützte Projekt "One Million Barrels", das sich auf die Reaktivierung stillgelegter Bohrlöcher, die Beschleunigung von Interventionen und den Abbau von regulatorischen Verzögerungen konzentriert, die zuvor den Feldbetrieb verlangsamten. Die Steuerreformen sollen ebenfalls Investitionen anziehen und das Produktionswachstum unterstützen.
Trotz Verbesserungen im Sicherheitsbereich, weniger Öldiebstahl sowie besserer Überwachung liege die Produktion nicht annähernd auf dem Niveau, das sich die Regierung von Präsident Bola Tinubu bei ihrem Amtsantritt zum Ziel gesetzt hatte, schreibt Clementine Wallop, leitende Analystin für Subsahara-Afrika bei der Beratungsfirma Horizon Engage, der DW. "In dieser Krisensituation wird Nigeria all diese Initiativen fortsetzen. Aber es gibt keinen Zauberknopf, den man einfach drücken kann, damit das Land von den höheren Preisen profitieren und die Versorgungskrise auf dem Markt lindern kann."
Ein weiteres Problem - wenn auch eher für den heimischen Markt als für die Weltwirtschaft - sind die maroden Staatsraffinerien. Nigeria war laut Analyst Oni weitgehend auf importierte raffinierte Kraftstoffe angewiesen und exportierte Rohöl in der Vergangenheit oft nur, um von den Erlösen Benzin und Diesel zu kaufen. Seit 2024 hat sich diese Situation verbessert: In Lagos werden in Afrikas größter privater Raffinerie, errichtet vom Multi-Milliardär Aliko Dangote, täglich 650.000 Barrel weiterverarbeitet. Die Dangote-Raffinerie versorgt den heimischen Markt mit rund 60 Millionen Liter Kraftstoffe pro Tag. Oni schreibt der Dangote-Raffinerie jedoch eher eine regionale als globale Rolle zu, indem sie den einheimischen und westafrikanischen Markt bei der Ölversorgung stärkt.
Wie viel Öl könnte Angola auf den Markt bringen?
Subsahara-Afrikas zweitgrößter Erdöl-Produzent ist Angola. Das Land im Südwesten Afrikas ist 2023 aus dem internationalen Ölkartell OPEC ausgestiegen, um flexibler entscheiden zu können, wie viel Öl es zu welchem Zeitpunkt auf die Weltmärkte bringt. Luanda investiere stark, um die Fördermengen bei der Ölproduktion zu erhöhen und auch die Erschließung natürlicher Gasvorkommen für den LNG-Markt auszubauen, sagte der angolanische Energie-Experte Flávio Inocêncio der DW: "Angola ist wegen des Krieges in der Ukraine und der Krise im Mittleren Osten wieder attraktiv für westliche Investoren."
Angolas Regierung gab sich zunächst abwartend: Die Nachrichtenagentur Bloomberg zitierte Wirtschaftsminister José de Lima Massano am 6. März mit der Aussage, Preissteigerungen brächten zwar immer "positive Nachrichten" für Ölförderländer mit sich. Zugleich warnte er jedoch davor, dass sich auch die in seinem Land benötigten Importe anderer Warengruppen durch höhere Transportkosten verteuern würden.
Selbst wenn afrikanische Ölländer wie Nigeria und Angola kurzfristig mehr Rohöl bereitstellen könnten, wären sie nicht in der Lage, die Ausfälle im Nahen Osten zu kompensieren, wie Analyst Inocêncio erläuterte: "Afrika produziert nur zehn Prozent der globalen Fördermenge. Das ist nicht genug, um die etwa 20 Millionen Barrel Öl, die pro Tag durch die Straße von Hormus geschifft werden, zu ersetzen."
Mitarbeit: Jamiu Abiodun, Ololade Adewuyi und Sandra Quiala