Epstein-Skandal: Norwegen ermittelt gegen Ex-Regierungschef
Veröffentlicht 6. Februar 2026Zuletzt aktualisiert 6. Februar 2026
In Norwegen hat die für Wirtschaftskriminalität zuständige Strafverfolgungsbehörde Økokrim Ermittlungen gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten Thorbjørn Jagland eingeleitet. Der 75-Jährige werde der schweren Korruption im Zusammenhang mit dem US-Sexualstraftäter Jeffrey Epstein verdächtigt, meldete die Nachrichtenagentur NTB. "Wir sind der Ansicht, dass hinreichende Gründe für eine Untersuchung vorliegen", sagte Økokrim-Chef Pål K. Lønseth. Grundlage für den Schritt seien Informationen aus den jüngst veröffentlichten Akten zum Epstein-Fall. Gegenüber der Zeitung "Aftenposten" räumte Jagland am Sonntagabend "Fehler in der Beurteilung" Epsteins ein.
Jagland war von 1996 bis 1997 Ministerpräsident Norwegens. Von 2009 bis 2019 war er Generalsekretär des Europarats und zudem von 2009 bis 2015 Vorsitzender des norwegischen Nobelkomitees. Das Gremium entscheidet jedes Jahr über die Vergabe des Friedensnobelpreises.
Jagland soll in Epsteins Wohnung gewesen sein
Die Ermittlungen sollen klären, ob Jagland während seiner Amtszeit als Generalsekretär Geschenke, Reisen oder Kredite angenommen hat. Darauf deuten laut NTB Informationen aus den Akten rund um den Fall Epstein. Die in der vorigen Woche in den USA publik gemachten Dokumente sollen zeigen, dass Jagland zwischen 2016 und 2018 mehrfach engen Kontakt zu dem US-Geschäftsmann Epstein hatte. So soll sich Jagland 2018 bei Epstein in New York aufgehalten haben. Zudem soll er 2015 und 2018 in Epsteins Wohnung in Paris gewesen sein.
Gegen Jagland wurde bislang keine Anklage erhoben. Als ehemaliger Leiter des Europarates genießt er Immunität. Um die Untersuchungen zu ermöglichen, beantragte die Polizei die Aufhebung dieser. Norwegens Außenminister Espen Barth Eide kündigte an, dem Wunsch zu entsprechen. Es sei wichtig, dass die Fakten in diesem Fall ans Licht kämen. Norwegen werde dem Ministerkomitee des Europarates vorschlagen, die Immunität aufzuheben.
Anwalt: Wir werden voll kooperieren
Ein Anwalt des Ex-Regierungschefs begrüßte die Ermittlungen. Sein Mandant werde vollumfänglich kooperieren. "Auf der Grundlage dessen, was wir bisher herausgefunden haben, sind wir zuversichtlich, was das Ergebnis angeht", erklärte Jurist Anders Brosveet.
Ein Sprecher des norwegischen Nobelkomitees lehnte eine Stellungnahme ab, betonte aber ebenfalls das Interesse an einer Aufklärung.
Mette-Marit bittet um Verzeihung
Jagland ist nicht der einzige Prominente in Norwegen, dessen Verbindungen zu Epstein überprüft werden. Auch Kronprinzessin Mette-Marit steht unter großem Druck: Sie soll über Jahre hinweg private Mails mit dem verurteilten Sexualstraftäter ausgetauscht haben. Sie sprach kürzlich deswegen von einer "Fehleinschätzung".
An diesem Freitag bat sie in einer schriftlichen Stellungnahme um Verzeihung. In der Mitteilung schrieb der norwegische Königshof einleitend, Mette-Marit distanziere sich entschieden von Epsteins Übergriffen und kriminellen Handlungen. Sie bedaure sehr, nicht früher erkannt zu haben, was für ein Mensch er war.
Weltwirtschaftsforum prüft Epstein-Verbindungen zu WEF-Chef Brende
In den Fokus geriet jetzt auch Norwegens ehemaliger Außenminister Børge Brende. Dieser ist seit 2017 Präsident des Weltwirtschaftsforums (WEF). Die Organisation teilte am Donnerstag mit, das WEF wolle "die jüngsten Enthüllungen" über die Teilnahme von Brende "an drei Geschäftsessen mit Jeffrey Epstein sowie die anschließende E-Mail- und SMS-Kommunikation klarstellen." Der Risikoausschuss habe beschlossen, dafür eine "unabhängige Überprüfung einzuleiten".
Das US-Justizministerium in Washington hatte am vergangenen Freitag mehr als drei Millionen weitere Dokumente zum Fall Epstein veröffentlicht, darunter E-Mails, Fotos und Videos. Darin erscheinen wieder die Namen zahlreicher Persönlichkeiten.
Epstein soll im Verlauf der Jahrzehnte mehr als tausend Minderjährige und junge Frauen missbraucht und teils an Prominente weitergereicht haben. Der bereits 2008 verurteilte Epstein wurde 2019 unter anderem wegen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen erneut festgenommen. Rund einen Monat später wurde er tot in seiner New Yorker Gefängniszelle gefunden. Nach offiziellen Angaben hatte er sich das Leben genommen.
se/pgr (dpa, rtr, afp, ap)
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