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Klimawandel lässt Kaspisches Meer schrumpfen

Fatemeh Roshan
9. Mai 2026

Das größte Binnengewässer der Welt verschwindet. In alarmierendem Tempo verliert das Kaspische Meer an Wasser. Wissenschaftler warnen vor einem bevorstehenden Wendepunkt.

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Badeverbotsschild am Kaspischen Meer
Bis zum Jahr 2100 könnte der Wasserpegel des Kaspischen Meeres Prognosen zufolge um bis zu 21 Meter sinkenBild: Rouzbeh Fouladi/ZUMA/IMAGO

Als Kind verbrachte die iranische Umweltjournalistin Maryam viel Zeit am Ufer des Kaspischen Meeres. In ihrer Heimatstadt Rudsar konnte sie sehen, wie der Pegel des Meeres stieg und fiel. Einmal, in den 1990ern, wurden gar Teile des iranischen Ufers überschwemmt und das Wohnhaus von Verwandten durch die Fluten zerstört. 

Diese Veränderungen fühlten sich normal an, doch als sie nach Jahren der Abwesenheit ihre Heimat wieder besuchte, erschien ihr das Meer plötzlich fremd. "Ich watete immer weiter in das Wasser hinein, doch es reichte mir nur bis ans Knie", erzählt Maryam, deren echten Namen die DW hier aus Sicherheitsgründen nicht nennt. "Für jemanden, der an diesem Meer aufgewachsen ist, war es beängstigend."

Was sie bei ihrem Besuch erlebte, ist keineswegs ungewöhnlich. Das Kaspische Meer, dessen Ufer sich Iran, Russland, Aserbaidschan, Turkmenistan und Kasachstan teilen, ist das größte Binnengewässer der Welt. Doch es wird rapide kleiner.

Luftaufnahme der trocken fallenden Südküste des Kaspischen Meeres
Das Wasser des Kaspischen Meeres zieht sich immer weiter zurück, die Uferbereiche verlandenBild: Hossein Beris/Middle East Images/IMAGO

Die Pegel des leicht salzigen Wassers des Kaspischen Meeres schwankten auch schon früher. Doch seit den 1990er Jahren sinkt der Wasserstand, und Wissenschaftler halten es für unwahrscheinlich, dass sich die Entwicklung umkehren lässt. Prognosen legen sogar einen noch stärkeren Rückgang in diesem Jahrhundert nahe, einigen Modellen zufolge sogar um bis zu 21 Meter.

"Um es einmal in Relation zu setzen: Fällt der Pegel um 18 Meter, wäre dies mehr als die Höhe eines sechsstöckigen Gebäudes", sagt Evolutionsbiologe Simon Goodman von der University of Leeds im Norden Englands. "Ein solcher Rückgang hätte einschneidende Auswirkungen auf die Ökosysteme, auf die menschliche Gesundheit, auf das Wohlbefinden und die wirtschaftliche Aktivität."

Warum sinkt der Wasserstand im Kaspischen Meer?

Zum Rückgang des Wasserstands tragen verschiedene Faktoren bei. Das Kaspische Meer wird zwar von mehreren Flüssen gespeist, 80 Prozent des Süßwassers fließt jedoch von Norden über die russische Wolga ins Meer. Dämme, Bewässerungssysteme und andere Formen der Wasserbewirtschaftung, insbesondere entlang der Wolga, beeinflussen die eingeleitete Wassermenge seit Jahrzehnten.

In Zukunft werde sich die Situation noch komplexer gestalten, meint Goodman. "Prognosen für den Rest dieses Jahrhunderts gehen davon aus, dass der anhaltende Rückgang noch stärker durch den Klimawandel beeinflusst werden wird." Wegen der klimaschädlichen Emissionen aus der Verbrennung von Öl, Gas und Kohle steigen weltweit die Temperaturen, was auch am Kaspischen Meer zu einer stärkeren Verdunstung an der Meeresoberfläche beiträgt. Weil auch die Niederschlagsmengen und der Zufluss in das Wolga-Becken sinken, verliert das Kaspische Meer mehr Wasser, als in es hineinfließt.

"Die Auswirkungen werden das gesamte Kaspische Meer betreffen", sagt Goodman. Einige Probleme seien bereits sichtbar, vor allem in den nördlichen Regionen des riesigen Sees, die an Russland und Kasachstan angrenzen. "Rund um das Kaspische Meer müssen viele Häfen in erheblichen Umfang ausgebaggert werden, damit sie schiffbar bleiben", erklärt der Evolutionsbiologe. Und diese Lage werde sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren nur verschärfen.

Auch die Gemeinden, die vom Fischfang leben, stehen unter Druck. Im flachen nördlichen Teil des Meeres könnte die Fischerei zunehmend unrentabel werden. Sollte der Wasserpegel um bis zu zehn Meter sinken, könnten große Teile des nördlichen Beckens austrocknen. Damit verschwände nahezu ein Drittel der Meeresoberfläche. 

An einigen Orten ist dieser Vorgang bereits zu beobachten. Wo sich im Frühjahr einst Zehntausende Robben im Nordosten des Meeres versammelten, um sich zu mausern, befindet sich nur noch trockenes Land. "Wir verlieren schon jetzt aufgrund des fallenden Wasserpegels ökologisch wichtige Habitate", beklagt Goodman.

Und auch im Süden, an der iranischen Küste, sind die Auswirkungen spürbar. Die Feuchtgebiete stehen unter Druck, die Fischbestände sind gefallen und die lebhaften, großen Märkte, an die sich Maryam erinnert, sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die Umweltjournalistin beobachtet auch andere, schwer zu übersehende Veränderungen. "Das Ufer, wie wir es als Kinder kannten, sah ganz anders aus als heute", sagt sie. Sie erzählt von einem Café, das damals direkt am Wasser stand. Jetzt befindet es sich in einiger Entfernung zum Ufer.

Ereilt das Kaspische Meer dasselbe Schicksal wie den Aralsee?

Es gebe bereits Anzeichen dafür, dass das Kaspische Meer den Weg des etwa tausend Kilometer östlich gelegenen Aralsees nehmen könnte, sagt Goodman. Einst war der zwischen Kasachstan und Usbekistan gelegene See eines der größten Binnengewässer weltweit. Doch dann wurden die ihn einspeisenden Gewässer umgeleitet. Mittlerweile ist der Aralsee weitgehend ausgetrocknet. Dadurch sind nicht nur Existenzen und Ökosysteme zerstört worden, das Verschwinden des Sees hat auch ernstzunehmende Folgen für die Menschen, unter anderem durch gesundheitsgefährdende Staubstürme.

Verrostete Boote liegen auf einer sandigen Fläche, die einst vom Aralsee bedeckt war
Der Aralsee, einst eines der größten Binnengewässer der Welt, ist nahezu ausgetrocknetBild: Sadat/Xinhua/Photoshot/picture alliance

Das Kaspische Meer stehe am Beginn dieses Prozesses, warnt Goodman. Trocknet das nördliche Kaspische Meer aus, gingen die Folgen über den Verlust des Wassers hinaus. Große Flächen trockenliegenden Meeresbodens könnten das regionale Klima verändern und große Mengen Staub freisetzen, der in Teilen mit Schadstoffen belastet sein könnte.

Maßnahmen hinken der Veränderung hinterher

Fünf Nationen grenzen an das Kaspische Meer, ein sinnvolles Management muss also gut koordiniert sein. Wie es scheine, befänden sich die Regierungen "in der Anfangsphase der Entwicklung von Rahmenwerken für die Zusammenarbeit", meint Goodman, doch dies sei noch in einem frühen Stadium.

Eine langfristige Anpassung erfordere nachhaltige Investitionen in Forschung und Strategien, die sowohl ökologische als auch wirtschaftliche Aspekte berücksichtigen. Und das möglichst schnell, betont Goodman "Die Geschwindigkeit, mit der Maßnahmen ergriffen werden, muss der Geschwindigkeit der Umweltveränderungen gerecht werden."

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

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