Der Mann, der Libanons Filmgeschichte rettet
27. Dezember 2025
Am Ende einer steilen kleinen Seitenstraße in Beiruter Stadtteil Ras Beirut weist ein verblasstes Poster den Weg. Wer dem Hinweis folgt, steigt am Ende der Straße links einen steilen Weg hinab, öffnet die schwere Tür - und steht zunächst zwischen hohen Bücherregalen. Übersetzte Romane, politische Analysen, vergriffene Ausgaben über Kultur und Geschichte der Region. Ein paar Schritte weiter, links um die Ecke, öffnet sich plötzlich ein zweiter Raum. Die Luft wirkt dichter, voller Farbe. Hier beginnt der Posterhimmel. Farben, Gesichter, Typografien aus einem vergangenen Jahrhundert ziehen die Kunden sofort in ihren Bann.
Dort, im hinteren Teil des Ladens, sitzt Abboudi Bou Jaoude. Freundlich, unaufdringlich, immer bereit, eine Geschichte zu erzählen - aber nie, bevor man nicht selbst eine Frage stellt. Hinter ihm prangen libanesische und ägyptische Filmplakate aus den 1960er und 70er Jahren, daneben Poster aus dem Irak, Tunesien, Marokko. Dazwischen Magnete, Postkarten, Getränkeuntersetzer. Ein Archiv, aber eines, das lebt und Erinnerungen weckt.
"Dieser Laden ist ein Archiv für den Libanon, aber auch für die gesamte Region", sagt Bou Jaoude ruhig. Und tatsächlich: Mit über 20.000 Postern gilt seine Sammlung als eine der größte ihrer Art in der Region. Viele der Motive hängen längst in privaten Wohnungen - und auch im Café Kalei nebenan, wo Filmfreunde bei einem Espresso auf die Gesichter der bedeutenden libanesischen Sängerinnen Fairuz oder der jungen Sabah blicken.
Ein Leben im Kino
Dass sein Leben einmal um Filmplakate kreisen würde, ahnte Bou Jaoude früh - oder vielleicht doch nicht. "Ich war schon im Alter von sechs Jahren im Kino", erzählt der heute 66-Jährige. Mein Vater hat mich immer mitgenommen, er war Direktor verschiedener Kinos in Bourj Hammoud, einem armenisch geprägtem Vorort von Beirut." Während andere Kinder Fußball spielten, saß Bou Jaoude im Dunkeln, schaute zu, hörte zu, sog das Kino seiner Stadt in sich auf.
Mit 14 oder 15 begann er zu sammeln - unbeabsichtigt zunächst. "Ich habe die Poster immer aus den Kinos bekommen." Das war Anfang der 1970er Jahre. Er lacht: "Wie viele Teenager damals habe ich mich nicht so sehr für arabische Filme interessiert, ich war mehr an ausländischen Filmen interessiert. Aber ich habe gerne arabische Bücher gelesen."
Er behielt, was niemand sonst aufhob: Was im Müll landen sollte oder in den Hinterzimmern der Kinos verstauben würde, trug er nach Hause.
Beirut - einst die Filmhauptstadt der Region
Um zu verstehen, warum Bou Jaoude Archiv so einzigartig ist, muss man wissen, welche Rolle der Libanon einst im arabischen Kino spielte. Der erste libanesische Film entstand offiziell 1929, doch die lokale Produktion blieb lange im Schatten Ägyptens. Mit der Unabhängigkeit des Libanon und einem wirtschaftlichen Aufschwung änderte sich das. Die 1960er waren die goldene Ära: Beirut wurde das regionale Zentrum von Literatur und Film. Die Rahbani-Brüder drehten ihre ikonischen nostalgischen Musicals. 1965 eröffnete die UNESCO in Beirut das Arab Cinema Center, das erste seiner Art. 1971 fand in Beirut das erste internationale Filmfestival in der Region statt.
Und nicht zuletzt gab es im Libanon über 300 Kinos, in denen jede Woche neue Filme liefen. "Das Kino war für viele ein erstes Ausflugsziel", sagt Bou Jaoude. "Vor dem Bürgerkrieg (Anm. der Redaktion 1975-1990) sind die Menschen jede Woche ins Kino gegangen."
All das endete abrupt mit dem Bürgerkrieg, der die Kinolandschaft fast vollständig zerstörte. Bou Jaoude bewahrte das, was übrigblieb - Film um Film, Poster um Poster. Jahrzehnte später fasste er dieses Wissen in einem Buch zusammen, einer umfassenden Dokumentation des libanesischen Kinos anhand von Postern von 1929 bis 1979, mit der er eine Lücke füllte, die niemand sonst geschlossen hatte.
Ein Archiv arabischer Gesellschaften
Dass er eines Tages der wichtigste Sammler der Region sein würde, ahnte er nicht. Erst seit den 1990er Jahren, sagt er, habe er verstanden, welchen Wert diese Bilder besitzen. "Ich war mir zu Beginn meiner Sammellust nie bewusst, was ich beitrage."
Heute sieht er jedes Poster als Zeitzeugnis: "Diese Poster sind Ausdruck dessen, was die Gesellschaft damals wollte, wofür sie sich interessiert hat und was sie im Kino sehen wollte, wovon sie geträumt hat."
Sein Archiv umfasst jedoch weit mehr als Filmplakate aus dem Libanon. Während seiner Arbeit als Verleger - den Verlag Al Furat gründete er bereits 2000 - reiste er regelmäßig durch die Region. Eine seiner wertvollsten Teilkollektionen stammt aus dem Irak - rund 4000 Poster -, die er, während seiner Reisen durch die Region, zusammentrug. "Ich habe mir immer zwei, drei Tage extra Zeit genommen, um in die lokalen Kinos zu gehen. Und dort habe ich immer gefragt, ob ich ein Poster bekommen kann."
Weitere Sammelstücke stammen aus Tunesien, Marokko, Libyen- und aus Orten wie dem palästinensischen Flüchtlingslager Jarmouk in Syrien. In den 1960er Jahren, als ägyptische Filme in Syrien verboten waren, bewahrten die kleinen Kinos ihre Poster sorgfältig auf. "Die Mitarbeiter haben sie mir dann aber oft für ein paar Lira verkauft."
Manchmal tauchten Poster auf, die im Ursprungsland längst verloren waren. Und politische Umwege prägten ihre Wege, erzählt er: Zu den Zeiten des ehemaligen ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nassers waren auch im Irak ägyptische Filme eine Zeitlang verboten - "also hat man einfach die Filmdose in den Libanon durchgeschleust, damit es so aussah, als käme der Film von hier."
Zwischen Nostalgie und Identität
Viele Besucher, erzählt er, sind junge Libanesen, die nach etwas suchen, das ihnen eine Verbindung zu einer Vergangenheit gibt, die sie nur aus Erzählungen kennen. Andere leben längst nicht mehr im Land: "Viele sind ausgewandert und suchen nach etwas, was sie an die Heimat erinnert oder ihnen etwas über die Vergangenheit der Eltern oder Großeltern verrät."
Was die Poster auslösen, sieht er oft in den Gesichtern der Menschen, die die Filme in den Kinos gesehen haben oder von ihren Eltern und Großeltern davon gehört haben. "Wenn die Menschen hier reinkommen und ein Poster der Sängerin und Schauspielerin Fairuz sehen, dann erinnern sie sich an eine Zeit, die viele verdrängt haben. Die Menschen haben durch den Krieg vieles vergessen."
Heute wirkt Abboudi Bou Jaoude wie der Hüter eines Archivs, das sonst niemand aufgebaut hätte. Für ihn ist es nicht mehr nur eine Leidenschaft, sondern auch ein Denkmal.
Auf die Frage, ob er ein Lieblingsplakat habe, lächelt er fast entschuldigend. "Ich kann mich nicht entscheiden, aber ich mag besonders die Poster aus den 1960ern und frühen 70ern." Es klingt wie die Antwort eines Mannes, der jeden Film, jede Farbe, jede Falte eines Posters kennt - und sie alle bewahren möchte.
Wenn man schließlich den steilen Weg wieder hinaufsteigt und auf die Straße von Ras Beirut tritt, bleibt etwas von diesem Ort zurück: das Gefühl, dass Vergangenheit nicht vergeht, solange jemand sie hütet. Bou Jaoude tut das. Still, bescheiden, in einem Laden, der mehr Archiv als Geschäft ist - und für viele längst ein Stück Heimat.