Olympia-Streit: Wie politisch ist der "Helm des Gedenkens"?
11. Februar 2026
Wer ist Wladyslaw Heraskewytsch?
Der in Kiew geborene Wintersportler war 2018 in Pyeongchang der erste Ukrainer, der bei Olympischen Spielen im Skeleton antrat. Auch 2022 in Peking war Heraskewytsch am Start. Nach dem dritten von vier Läufen hielt er im Zielauslauf der Eisbahn ein Schild mit der englischen Aufschrift "No war in Ukraine" (Kein Krieg in der Ukraine) in die Kameras. 13 Tage später begann die russische Invasion in der Ukraine.
Seitdem wird Heraskewytsch nicht müde, im Umfeld seiner Wettbewerbe auf die Leiden der Menschen in der Ukraine hinzuweisen und auf weiter strenge Sanktionen gegen den russischen Sport zu drängen. Bei der Eröffnungsfeier der Spiele 2026 von Mailand und Cortina d'Ampezzo trug der Skeleton-Fahrer die ukrainische Flagge.
Sportlich gehört Heraskewytsch bei Olympia nicht zu den Medaillenkandidaten. 2018 wurde er Zwölfter, 2022 belegt er den 18. Rang.
Worum geht es bei seinem Streit mit dem IOC?
Heraskewytsch wollte nicht nur im Training, sondern auch beim olympischen Wettkampf auf der Bahn in Cortina seinen sogenannten "Helm des Gedenkens" tragen. Darauf sind Bilder ukrainischer Sportlerinnen und Sportler zu sehen, die im Ukraine-Krieg getötet wurden.
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) sieht in dem Helm einen Verstoß gegen die Regel 50 der Olympischen Charta. Darin heißt es: "Jede Demonstration oder politische, religiöse oder rassische Propaganda ist an den olympischen Stätten, Austragungsorten oder in anderen olympischen Bereichen untersagt."
2020 veröffentlichte die IOC-Athletenkommission Richtlinien, wie diese Regel umzusetzen sei. Danach sollten sich Aktive während Olympischer Spiele nur bei Pressekonferenzen, in Interviews in den Mixed-Zonen, bei Teamsitzungen sowie auf Internetplattformen oder in traditionellen Medien politisch äußern dürfen.
IOC-Sprecher Mark Adams verwies bei einer Pressekonferenz darauf, dass es aktuell "130 Konflikte weltweit" gebe. Das IOC könne "nicht zulassen, dass sie - so schrecklich sie sein mögen - während der Wettkämpfe thematisiert werden". Heraskewytsch dürfe sich außerhalb des Wettkampfs politisch äußern, im Rennen aber nicht.
Warum gab es keinen Kompromiss zwischen beiden Seiten?
Das IOC bot dem Ukrainer an, beim Wettkampf eine schwarze Armbinde zu tragen - als Zeichen der Trauer für seine im Krieg getöteten Landsleute. "Wir werden ihn nicht abhalten, sich bei Pressekonferenzen und anderswo zu äußern, und wir halten dies für einen guten Kompromiss in dieser Situation", sagte IOC-Sprecher Adams.
Heraskewytsch sah das komplett anders und ließ sich auch von IOC-Präsidentin Kirsty Coventry nicht umstimmen. "Das IOC hat die Situation um den 'Helm des Gedenkens' zu einem absurden Theaterstück gemacht", sagte der Ukrainer am Mittwoch. Er verstoße gegen keine IOC-Regel. Heraskewytsch warf dem IOC "Doppelmoral" vor.
So habe der US-Eiskunstläufer Maxim Naumov am Dienstagabend in Mailand nach dem Kurzprogramm ein Bild seiner bei einem Flugzeugabsturz tödlich verunglückten Eltern gezeigt, ohne dass dies beanstandet worden sei. Zuvor hatte Heraskewytsch bereits auf das Beispiel des deutschen Gewichthebers Matthias Steiner verwiesen, der 2008 nach seinem Olympiasieg in Peking ein Foto seiner verstorbenen Frau präsentiert hatte.
Nach Ansicht des IOC lassen sich die Fälle nicht vergleichen. Seit 2008 habe sich das Regelwerk weiter entwickelt. Naumovs Verhalten sei "eine sehr emotionale, sehr menschliche, spontane Geste" gewesen, so IOC-Sprecher Adams. Heraskewytsch könne "genau dasselbe tun".
IOC-Chefin Coventry war nach dem Olympia-Ausschluss des Ukrainers emotional sichtlich bewegt. "Ich hätte ihn wirklich gerne fahren sehen", sagte Coventry unter Tränen. "Aber leider haben wir keine Lösung gefunden. Es geht nicht um die Botschaft, es geht nur um Regeln und Vorgaben."
War die Disqualifikation Heraskewytschs unausweichlich?
In der Empfehlung der IOC-Athletenkommission heißt es zu Verstößen gegen die Regel 50 der Olympischen Charta: "Jeder Vorfall wird vom jeweiligen Nationalen Olympischen Komitee, dem internationalen Verband [der Sportart - Anm. d. Red.] und dem IOC bewertet, und Disziplinarmaßnahmen werden bei Bedarf von Fall zu Fall ergriffen."
Das lässt durchaus Raum für Interpretationen. Mit dem Ausschluss vom olympischen Rennen und dem Entzug der Akkreditierung für die Winterspiele wurde Heraskewytsch zunächst maximal bestraft. Dann vollzog das IOC jedoch eine Kehrtwende und gab dem Ukrainer seine Akkreditierung zurück. Damit kann er immerhin während der Spiele weiter im Olympischen Dorf bleiben.
Wie fielen die Reaktionen aus?
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kritisierte die Entscheidung des IOC scharf. "Sport sollte nicht mit Amnesie [Gedächtnisverlust - Anm. d. Red.] gleichgesetzt werden, und die olympische Bewegung sollte dazu beitragen, Kriege zu beenden, anstatt den Aggressoren in die Hände zu spielen", schrieb Selenskyi auf der Plattform X.
Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) stellte sich hinter die Entscheidung des IOC, den Ukrainer aus dem Rennen zu nehmen. "Im Wettkampf sind politische Botschaften und solche, die so interpretiert werden können, sinnvollerweise untersagt", hieß es in einer Erklärung des DOSB. Andererseits seien auch die Motive des Skeleton-Piloten nachvollziehbar: "Wir können verstehen, dass das Bedürfnis besteht, auf die schrecklichen Folgen dieses Krieges hinzuweisen."
Die Vereinigung "Athleten Deutschland" hält die Disqualifikation Heraskewytschs für "falsch und unverhältnismäßig". Sein Helm sei ein "Akt der friedlichen Erinnerung und des Respekts".
Eine "sehr, sehr schlechte Entscheidung" sei der Ausschluss des Skeleton-Piloten vom Rennen, sagt der dreimalige Rodel-Olympiasieger Felix Loch, der mit Heraskewytsch befreundet ist. "Er möchte nichts Politisches bewirken, er möchte an seine Freunde erinnern. Das machen viele andere Sportler auch, da ist es kein Problem."
Der Artikel wurde nach dem Ausschluss Heraskewytschs vom olympischen Rennen am 12. Februar aktualisiert.