Pfandsysteme: Wo mehr Mehrweg möglich wäre
21. Januar 2026
Wer in Deutschland seine leeren Pfandflaschen im Supermarkt oder Getränkehandel zurückgibt, der kriegt das beim Einkauf gezahlte Pfandgeld zurück. Für eine Mehrwegflasche aus Glas oder PET-Kunststoff sind das je nach Größe acht oder 15 Cent und für entsprechend gekennzeichnete Einwegflaschen 25 Cent.
Diese werden seit 2003 getrennt vom Restmüll gesammelt. In Deutschland werden mehr als 96 Prozent davon durch das Pfandsystem zurückgegeben. Sortenreine Flaschen, die aus nur einem Material bestehen, werden zerkleinert und zu neuen Flaschen und Produkten recycelt. Für die Produktion wird in der Regel zusätzlich neues Plastik verwendet.
Laut Angaben der Umweltorganisation Deutsche Umwelthilfe (DUH) besteht gut die Hälfte aller Einweg-Plastikflaschen in Deutschland aus neuem Plastik. Um das herzustellen, werde jährlich so viel Rohöl benötig, dass mit derselben Menge fast 276.000 Einfamilienhäuser beheizt werden könnten, so die DHU.
Mehrwegflaschen gelten als deutlich umweltfreundlicher – besonders wenn ihre Transportwege nicht zu lang sind. Flaschen aus Glas können bis zu 50 Mal neu befüllt werden, solche aus PET-Kunststoff etwa 25 Mal. Über den gesamten Lebenszyklus hinweg verursachen Mehrwegflaschen nur rund halb so viele klimaschädliche Emissionen wie Einwegflaschen.
Lebensmittel: viel mehr Mehrweg möglich
Dabei könnte sich ein Mehrwegsystem auch anderswo lohnen, sagt Elena Schägg, zuständig für den Bereich Kreislaufwirtschaft bei der DUH.
"Mehrweg muss gar nicht bei Getränken aufhören, sondern könnte auch für ganz andere Lebensmittel verwendet werden, wie beispielsweise für Aufstriche, für Obst- und Gemüsekonserven oder auch für Speiseöle und Essig." Es gebe auch bereits erste Lösungen auf dem Markt, "die zeigen, dass es geht", sagt Schägg im Gespräch mit der DW.
Beim Wein wird laut Schägg bisher nur etwa fünf Prozent in Mehrwegbehältern abgefüllt. Doch mittlerweile gibt es auch dafür Mehrweg-Initiativen: Restaurants können Wein in wiederbefüllbaren Stahlfässern kaufen - statt in einzelnen Flaschen oder Kartons. Regionale Winzergenossenschaften vertreiben Weine in einheitlichen Pfandflaschen. An Universitäten wird zu überregionalen Mehrwegsysteme für Wein geforscht.
Die deutsche Mehrwegquote soll wieder steigen
Zwar hat Deutschland in seinem Verpackungsgesetz festgelegt, dass möglichst 70 Prozent aller Getränke in Mehrwegverpackungen abgefüllt sein sollen. Doch dieses Ziel ist nicht verbindlich und wird inzwischen regelmäßig verfehlt. Ende der 1990er Jahre, also vor der Einführung des Einwegpfands, lag die Mehrwegquote noch bei knapp über 70 Prozent - im Jahr 2023 nur noch bei rund 34,3 Prozent.
Die Bundesregierung plant nun einen Fonds zur Förderung von Mehrwegsystemen. Ab 2027 sollen Hersteller von Einwegverpackungen fünf Euro pro Tonne Verpackungen einzahlen. So sieht es der Entwurf für das neue Verpackungsgesetz vor. Allerdings sollen demnach auch die Hersteller von Mehrweg-Verpackungen etwas in den Mehrweg-Fonds zahlen.
Umweltorganisationen fordern, das 70-Prozent-Ziel für Mehrwegflaschen verbindlich festzuschreiben. Um das zu erreichen, könnten Einwegflaschen teurer gemacht werden - zusätzlich zum Pfand. Eine andere Idee ist eine gestaffelte Steuer auf alle Getränkeverpackungen, je nach deren Umweltauswirkungen.
Eine weitere Forderung: Hersteller und Vertreiber von Einwegplastik sollen die EU-Plastiksteuer bezahlen. Sie wird seit 2021 von allen Mitgliedsstaaten erhoben. Deutschland zum Beispiel zahlt für jede Tonne Plastikmüll, die nicht recycelt wird, 800 Euro in den EU-Haushalt - aus Steuergeldern. Das sind etwa 1,3 Milliarden Euro im Jahr.
Pfandsysteme jenseits von Lebensmitteln
Seit Januar 2023 müssen in Deutschland alle Gastronomiebetriebe, die Essen und Trinken zum Mitnehmen anbieten, auch Mehrwegverpackungen vorhalten - oder mitgebrachte Behälter akzeptieren. Allerdings gibt es im Gesetz zahlreiche Ausnahmen. Dennoch bieten inzwischen einige Firmen die Mehrweg-Systeme für Gerichte und Getränke "to go" an.
Neben Getränkeverpackungen sind in Deutschland auch Batterien von Verbrennerfahrzeugen mit einem Pfand belegt – in Höhe von 7,50 Euro. Hier geht es nicht um ein Mehrwegsystem, sondern um eine fachgerechte Entsorgung und die Wiederaufbereitung der Rohstoffe
Und das sollte bei noch viel mehr Produkten geschehen, sagt Elena Schägg von der DHU. "Wir halten Pfandsysteme für die Bereiche sinnvoll, wo einfach noch zu wenig Wertstoffe gesammelt und dann für ein Recycling zur Verfügung stehen. Das ist bei Elektrogeräten der Fall, das könnte aber auch bei Matratzen sinnvoll sein, weil die auch eigentlich gut recycelt werden könnten."
Ein EU-weites Pfandsystem für Batterien?
Für die Lithium-Ionen-Akkus in Elektrogeräten interessiert sich auch die Politik. So muss die EU-Kommission bis Ende 2027 prüfen, ob ein EU-weites Pfandsystem für Batterien eingeführt werden soll. Österreich hat die Kommission aber nun aufgefordert, dies möglichst sofort zu tun, wie es aus deutschen Regierungskreisen heißt. Deutschland hat sich demnach dieser Forderung angeschlossen. Zudem hat das deutsche Parlament die Regierung beauftragt, bis September 2026 ein deutsches Pfandsystem für Batterien zu prüfen.
Der EU und Deutschland geht es dabei zum einen um das Recycling von kritischen Rohstoffen in den Batterien. Und zum anderen darum, dass trotz der bestehenden Sammelsysteme immer noch viele Altbatterien falsch entsorgt werden: im Restmüll, in Kunststoffabfällen oder im Altpapier. Und das führt immer wieder zu Bränden.
Laut dem Bundesverband der deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE) gibt es allein in Deutschland jeden Tag bis zu dreißig Brände in Recycling- und Sortieranlagen, auf Betriebshöfen oder in Müllfahrzeugen. Die können für Mitarbeitende vor Ort lebensgefährlich sein – und die Branche hat immer mehr Probleme, sich für solche Fälle zu versichern.
Wenn auf Batterien ein Pfand gezahlt werden müsste, würden sie mehr Menschen sachgemäß zurückgeben, so die Hoffnung.
Gute Idee: Mehrweg für Versandhandel und E-Commerce
Allein in Deutschland wurden im Jahr 2024 gut 50 Prozent mehr Pakete, Express- und Kuriersendungen verschickt als noch 2014 – insgesamt knapp 4,3 Milliarden. Wie wäre es, wenn wir all die dafür nötigen Transportverpackungen nicht wegwerfen, sondern leer zurückschicken würden, damit sie wiederverwendet werden können?
Einige Start-Ups haben bereits Mehrweg-Verpackungen für den Onlinehandel entwickelt. Laut ihren Angabenist deren CO2-Fußabdruck zwischen 50 und 80 Prozent kleiner als der von Einmalverpackungen – je nach Material und Rückgabesystem.
Doch die Branche sagt, dass es nicht so einfach ist, solche Rückgabesysteme in größerem Umfang einzusetzen. Ein Grund: Die neue EU-Verpackungsverordnung, mit der Verpackungsmüll eingedämmt werden soll, bezieht sich nicht auf den Versandhandel.
Ob und wie Mehrwegverpackungen erfolgreich im E-Commerce Fuß fassen könnten, untersucht derzeit ein Forschungsprojekt in Schweden. Es wird gemeinsam von der der Technischen Hochschule Chalmers, der Stadt Göteborg und Wirtschaftsunternehmen durchgeführt.
In Schweden soll der E-Commerce bis 2030 bereits 40 Prozent des gesamten Einzelhandels ausmachen. Und in Deutschland dürften schon ab 2029 pro Jahr mehr als fünf Milliarden Sendungen verschickt werden. Angesichts solcher Prognosen könnten Mehrwegsysteme im Onlinehandel enorme Mengen an Verpackungsmüll vermeiden.