Gaza-Friedenstruppe: Kosovarische Soldaten im Gazastreifen?
8. Mai 2026
Am 22. Januar 2026 war es in Davos klirrend kalt, doch Donald Trump und seinen Gästen merkte man davon nichts an: In geradezu ausgelassener Stimmung unterzeichneten zahlreiche Länder ein Abkommen des US-Präsidenten und traten damit dessen frisch gegründetem "Friedensrat" bei - darunter auch Kosovo.
Der offizielle Anlass für die Gründung des Rats, dem Trump auf Lebenszeit vorsteht: den instabilen Frieden im Gazastreifen zu sichern. Dafür erhielt das Gremium im November 2025 sogar ein Mandat des UN-Sicherheitsrats, die Resolution 2803, die auf Trumps Ende September 2025 vorgestelltem Nahost-Friedensplan beruht. Die Resolution befürwortet den Vorschlag und soll ihn legitimieren und rechtlich absichern.
Schon damals war die Rede von einer temporären "Internationalen Stabilisierungstruppe" (International Stabilization Force, ISF), die den Friedensprozess militärisch unterstützen soll. Diese soll vor Ort etwa für die Einhaltung der Waffenruhe sorgen, die Zivilbevölkerung schützen und eine palästinensische Polizei ausbilden.
"Während die Internationale Stabilisierungstruppe Kontrolle und Stabilität herstellt, werden sich die Israelischen Verteidigungskräfte auf der Grundlage von mit der Demilitarisierung verbundenen Standards, Zwischenzielen und Zeitrahmen aus dem Gazastreifen zurückziehen", heißt es in der UN-Resolution. Doch Monate später scheint das Projekt ISF fast vollständig zum Erliegen gekommen zu sein - und das aus verschiedenen Gründen.
Iran-Krieg, stockende Verhandlungen, wackeliger Frieden
Da wäre zum einen der seit Ende Februar 2026 anhaltende Iran-Krieg. Der hat die weiterhin dramatische Not in Gaza nicht nur weitgehend aus den Medien und der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt. Nach Ansicht von Max Rodenbeck, Leiter für den Themenbereich Israel und Palästina beim Thinktank International Crisis Group, binde er außerdem "die begrenzten Kapazitäten der USA, die jetzt als Führungsland notwendig wären".
Außerdem stocken die formellen Verhandlungen über die Zukunft Gazas. Selbst die vor Monaten verhandelte Waffenruhe wird immer wieder gebrochen, es kommt weiterhin zu Luftangriffen und Kämpfen zwischen der Hamas und der israelischen Armee. Die Verhandlungen verzögerten sich aktuell aufgrund "des Beharrens der USA und Israels darauf, dass die Hamas entwaffnet werden muss, bevor es Fortschritte geben kann", sagt Analyst Rodenbeck. Selbst wenn die Verhandlungen jedoch vorankämen, wäre "unklar, zu welchem Zeitpunkt der Einsatz der ISF sinnvoll wäre", so Rodenbeck.
Durch die ständigen Verzögerungen, Unklarheiten über die Aufgaben vor Ort und den weiterhin wackeligen Waffenstillstand ist von der anfänglichen Euphorie und den Unterstützungszusagen heute wenig übrig. Bislang haben nur eine Handvoll Länder fest zugesagt, dass sie für die ISF Kräfte nach Gaza entsenden würden, unter ihnen neben Kosovo Indonesien, Marokko, Kasachstan und Albanien.
Erkundungsteam im Gazastreifen
Die USA sollen im Dezember 2025 formal 70 Länder gebeten haben, zur ISF beizutragen. Am 11. Dezember erklärte sich Kosovos Premierminister Albin Kurti grundsätzlich bereit, einer Truppenentsendung zuzustimmen. Am 30. März 2026 stimmte seine Regierung einstimmig der Entsendung zu, am 17. April dann das Parlament - ebenfalls einstimmig.
Das Parlament bewilligte zunächst ein Kontingent von 22 Soldaten. Wie Verteidigungsminister Ejup Maqedonci berichtet, handelt es sich dabei um Personal aus verschiedenen militärischen Bereichen, darunter Kampfmittelräumung, Spezialoperationsplanung sowie medizinische Teams.
Kosovo baut seine eigene Armee aktuell um. Die etwa 4000 Personen starke Kosovo Security Force (KSF) wurde nach dem Kosovo-Krieg (1999) als Katastrophen- und Zivilschutz-Organisation geschaffen. Sie befindet sich derzeit in einem zehnjährigen Umwandlungsprozess hin zu einer regulären Armee, der bis 2028 abgeschlossen sein soll. Kosovo hat bereits ein Vorauskommando nach Gaza geschickt, um die Lage vor Ort zu sondieren.
In dem Beschluss zur Beteiligung an der Gaza-Friedenstruppe sieht Historiker Konrad Clewing vom Leibniz Institut für Ost- und Südosteuropaforschung "einen effektiven Schritt, um die Streitkräfte des Landes schon heute als vollwertige Armee hervorzuheben und symbolisch zu stärken".
Hoffnung auf außenpolitisches Prestige
Kosovo hofft darauf, dass die Entscheidung für den Einsatz in Gaza seine internationale Position stärkt - und dem Land Sympathien einbringt, vor allem in den USA. Schon in der Vergangenheit war Kosovo amerikanischen Außenpolitik-Interessen gegenüber immer äußerst aufgeschlossen - aus historischer Dankbarkeit gegenüber Washington für die Unterstützung in der Vergangenheit, aus strategischer Abhängigkeit vom Westen, aber auch schlicht aus pragmatischem Realismus als kleines und jüngstes Balkanland.
"Die außenpolitische Wirkung gegenüber den USA unter Präsident Trump ist erheblich. Der Beschluss kann die von Kosovo weiterhin benötigte US-amerikanische Unterstützung festigen und für die Zukunft stärken", sagt Historiker Konrad Clewing.
Verteidigungsminister Maqedonci erhofft sich von der Mission internationales Prestige für sein Land: "Zum ersten Mal nimmt Kosovo an einer Mission teil, die vom UN-Sicherheitsrat autorisiert wurde, obwohl wir noch kein Mitglied der Vereinten Nationen sind”, sagt er. Über 100 UN-Mitgliedsstaaten haben Kosovo mittlerweile völkerrechtlich als unabhängig anerkannt - doch es gibt nachwie vor auch viele Länder, die es nicht tun - darunter fünf EU-Staaten.
Verbundenheit mit der Zivilbevölkerung
Albin Kurti hob in seiner Erklärung, warum er die Entsendung einer solchen Truppe unterstütze, die Geschichte Kosovos hervor. "Wir selbst haben seit 1999 vom Einsatz internationaler Streitkräfte profitiert und tun dies bis heute noch", sagte er. Seit dem Ende des Kosovo-Kriegs ist die internationale Nato-Schutztruppe KFOR in Kosovo stationiert.
Viele Kosovarinnen und Kosovaren solidarisieren sich aufgrund ihrer eigenen Kriegs-Erfahrungen Ende der 1990er bis heute mit der Zivilbevölkerung in Konfliktgebieten. Ältere erinnert das Leiden an ihre eigene Vertreibung, die Zerstörung und schließlich die internationale Hilfe, die ihre Not linderte. Verteidigungsminister Maqedonci betont: "Wir sehen diesen Einsatz in erster Linie als humanitäre Mission, die zur Friedenssicherung und zur Stabilisierung der Region beitragen soll."
Kosovo, so scheint es, beschert der Beschluss für die Truppenentsendung nur Gewinner: Die Kosovo Security Force sieht sich und ihre Bedeutung gestärkt, die Politiker in Kosovo zeigen sich handlungsfähig und das Land hofft auf eine positive außenpolitische Wirkung. Unklar bleibt da eigentlich nur eines: Werden Kosovos Soldaten jemals nach Gaza entsandt?