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PolitikSudan

Sudan: Humanitäre Situation so schlimm wie nie

21. Dezember 2025

Kämpfe, Vertreibungen, massive Menschenrechtsverletzungen - und kaum internationale Aufmerksamkeit. Im sudanesischen Kordofan verschärft sich die Lage dramatisch.

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Sudan Tawila 2025 | Flüchtlinge aus Nord-Dafur -  Lager für Vertriebene
Die humanitäre Situation im Sudan verschärfte sich 2025 weiter - ohne mehr internationalen Druck und zusätzliche Hilfe ist auch 2026 kaum Besserung in SichtBild: Mohammed Jamal/REUTERS

Der anhaltende Krieg im Sudan ist laut einer in dieser Woche veröffentlichten Umfrage unter 22 internationalen Hilfsorganisationen die am stärksten vernachlässigte globale Krise des Jahres 2025. Gleichzeitig führt das Land die Liste der "Zehn Krisen, die die Welt 2026 nicht ignorieren darf" des International Rescue Committee an.

Auch im Jahr 2025 hat sich die Lage weiter dramatisch verschärft. Der Krieg begann im April 2023, als es zwischen den Generälen der sudanesischen Streitkräfte (Sudanese Armed Forces, SAF) und der paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) zum Bruch über die geplante Eingliederung der Miliz in die nationale Armee kam. Seitdem ist der öl- und goldreiche Sudan mit seinen fruchtbaren Agrarflächen zu dem geworden, was die Vereinten Nationen und internationale Hilfsorganisationen als die größte humanitäre Krise und Vertreibungskatastrophe weltweit bezeichnen.

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Nach UN-Angaben sind rund 14 Millionen Menschen innerhalb des Sudans sowie in den Nachbarländern auf der Flucht. Die Schätzungen zur Zahl der Todesopfer reichen von 40.000 bis zu 250.000. Verlässliche oder aktuelle Zahlen sind kaum zu ermitteln: Die Kämpfe dauern an, satellitengestützte Internetverbindungen werden eingeschränkt, viele Hilfsorganisationen und Beobachter mussten das Land verlassen.

"Die Krise im Sudan müsste jeden einzelnen Tag auf den Titelseiten stehen", sagte Abdurahman Sharif, humanitärer Direktor von Save the Children, in einer Stellungnahme.

Neuer Brennpunkt: Kordofan

Die Kämpfe zwischen RSF und SAF konzentrieren sich inzwischen auf die Region Kordofan. Dort kontrolliert die sudanesische Armee mehrere Städte, die von den paramilitärischen RSF umzingelt sind.

Sudan Al Dabbah 2025 | Verteilung von Nahrungsmittelhilfe an sudanesische Flüchtlingsfamilien
Das UN-Welternährungsprogramm erklärte, die Hilfe für Zivilisten im Sudan ab Januar 2026 auf ein Minimum zurückzufahrenBild: Marwan Ali/AP Photo/picture alliance

Kordofan ist von zentraler strategischer Bedeutung. Die Region bildet die letzte Verbindung zwischen den von der Armee kontrollierten Gebieten im Norden und in der Landesmitte - einschließlich der Hauptstadt Khartum - und den von den RSF beherrschten Regionen in Darfur im Westen sowie in Teilen des Südens.

"Die Gewalt in Kordofan ist zuletzt dramatisch eskaliert", sagt Jan Sebastian Friedrich-Rust, Geschäftsführer der deutschen Sektion der Hilfsorganisation Action Against Hunger.

Die Belagerung der Städte Dilling und Kadugli [in Südkordofan] blockierten den Zugang zu lebenswichtiger humanitärer Hilfe", sagte er. Den Menschen fehle es an Nahrung, medizinische Versorgung sei kaum noch vorhanden. "In el-Fasher [in Darfur] und in Kadugli wurde bereits eine Hungersnot ausgerufen, und 20 weitere Orte in Darfur und Kordofan stehen bis Januar 2026 unmittelbar vor einer Hungersnot."

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Die dramatische Lage spiegelt sich auch im jüngsten Bericht der Integrated Food Security Phase Classification (IPC) wider. Demnach sind Mitte Dezember 21,2 Millionen Menschen - nahezu die Hälfte der sudanesischen Bevölkerung - von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen.

Diese Zahl dürfte weiter steigen. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) kündigte vergangene Woche an, die Lebensmittelrationen im Sudan ab Januar aufgrund fehlender Mittel auf "das absolute Minimum zum Überleben" reduzieren zu müssen.

"Wenn die internationale Gemeinschaft nicht dringend diplomatisch, finanziell und moralisch handelt, wird sich eine bereits katastrophale Situation weiter verschlechtern. Dann werden Millionen Sudanesen sowie Menschen in den Nachbarländern den Preis dafür zahlen", warnte Mamadou Dian Balde, Regionaldirektor des UN-Flüchtlingshilfswerks für Ost- und Südafrika.

Zivilisten im Zentrum der Kriegsführung

Friedrich-Rust warnt zudem davor, dass Kordofan zu einem zweiten el-Fasher werden könnte. El-Fasher ist jene Stadt, in der die RSF bei ihrer Machtübernahme im November schwere Massengräueltaten verübte.

Auch das Humanitarian Research Lab (HRL) der Universität von Yale, das mithilfe von Satellitenbildern Kriegsverbrechen dokumentiert, schlägt Alarm. In einem aktuellen Bericht warnt das Labor, die RSF habe "Beweise für ihre weitreichenden Massenmorde zerstört und gezielt versteckt".

Sudan Tawila 2025 | Vertriebene nach RSF-Angriffen auf das Lager Zamzam
Die Kämpfe in Kordofan haben mehrere Tausend Menschen in die Flucht getrieben, während die verbliebene Bevölkerung hungertBild: REUTERS

Nach Angaben von HRL lassen sich fast 60 der ursprünglich rund 150 Stellen, die auf menschliche Überreste hindeuteten, heute nicht mehr ausmachen. Gleichzeitig wurden in der Umgebung bekannter Orte von Massen­tötungen acht neue Eingriffe in den Boden beobachtet.

"Die Realität ist, dass beide Konfliktparteien und ihre Verbündeten nicht nur versagt haben, Zivilisten zu schützen, sondern dass die gezielte Gewalt gegen die Zivilbevölkerung im Zentrum ihrer Kriegsführung steht", sagt Philippe Dam, EU-Direktor für Advocacy bei Human Rights Watch.

Zwar gehe der Großteil der sexualisierten Gewalt, der Angriffe auf Krankenhäuser und Hilfsorganisationen sowie der Einsatz explosiver Waffen in dicht besiedelten Gebieten auf das Konto der RSF, doch auch die SAF verübten schwere Verbrechen gegen Zivilisten.

So habe die Armee ihre Massenverhaftungen von Menschen ausgeweitet, die verdächtigt würden, mit der RSF zu kooperieren. Diese Festnahmen seien hochgradig willkürlich und beträfen auch humanitäre Helfer. 

"Wir haben außerdem Berichte über zahlreiche Todesfälle in von der SAF betriebenen Gefängnissen erhalten und beobachten ein Wiederaufleben von Todesurteilen", sagte Dam alarmiert.

Ausländische Mächte mischen mit

Er forderte die EU auf, ihr Vorgehen deutlich zu verschärfen, entschlossene Maßnahmen zu ergreifen und die fortgesetzten Verbrechen beider Konfliktparteien konsequent anzugehen.

"Ich finde es schockierend, dass der RSF-Anführer General Mohammed Dagalo, besser bekannt als Hemedti, von der EU bislang nicht sanktioniert wurde. Trotz der klaren Zusammenhänge zwischen seiner Verantwortung und den Verbrechen, die wir und andere dokumentieren konnten", sagte Dam.

Zugleich mahnte er, auch die internationalen Unterstützer des Konflikts stärker in den Blick zu nehmen. Während die SAF vor allem von Ägypten unterstützt werde, stehe die RSF mutmaßlich unter Rückhalt der Vereinigten Arabischen Emirate - Vorwürfe, die aus Abu Dhabi zurückgewiesen werden.

Hilfe für den Sudan: zu wenig, zu spät

Im Dezember begann die EU mit einer Luftbrücke, über die 100 Tonnen humanitärer Hilfe in die Darfur-Region gebracht werden sollen. Die Luftbrücke endet im Januar 2026 und kostet 3,5 Millionen Euro, finanziert aus dem humanitären Budget der EU-Kommission.

Friedrich-Rust begrüßt die Initiative, warnt jedoch, sie sei kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Das Ende von USAID sowie Kürzungen der Entwicklungshilfegelder in mehreren europäischen Ländern, darunter Deutschland, hätten dazu geführt, dass lebensrettende Programme - wie lokale Suppenküchen - eingestellt werden mussten.

"Der Bedarf ist enorm", sagt er. "Doch bisher sind nur 35 Prozent der benötigten finanziellen Mittel für humanitäre Mittel bereitgestellt worden."


Der Artikel ist im Original auf Englisch erschienen.

Jennifer Holleis
Jennifer Holleis Redakteurin und Analystin mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika.