Transatlantische Sklaverei: Größtes Menschheitsverbrechen?
19. Februar 2026
Der ghanaische Präsident John Dramani Mahama will den Vorschlag, der von 40 Ländern in der Afrikanischen Union (AU) unterstützt wird, im März bei den Vereinten Nationen (UN) einbringen. Er verweist auf eine solide rechtliche Grundlage und eine "unbestreitbare moralische Verpflichtung". Die Resolution sei nur ein erster Schritt, sagte er am Rande des AU-Gipfels in Addis Abeba vergangenes Wochenende. Mit der breiten Unterstützung der Afrikanischen Union müsse endlich die historische Wahrheit über die transatlantische Versklavung anerkannt werden - als schwerwiegendstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Sklavenhandel: Tragödie der Menschheitsgeschichte
Historiker sind sich einig: Der Sklavenhandel zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert - die Verschleppung von Millionen Menschen von Afrika nach Nord-, Mittel- und Südamerika - war eine der großen Tragödien der Menschheitsgeschichte. Schätzungen zufolge wurden über einen Zeitraum von rund 400 Jahren mehr als 15 Millionen Männer, Frauen und Kinder deportiert. Andere Quellen sprechen von 12 bis 12,8 Millionen Verschleppten. Etwa 10,7 Millionen von ihnen erreichten Amerika lebend; zwischen 1,5 und 2 Millionen Menschen starben während der Überfahrt.
Mahama erinnerte in Addis Abeba an jene, die von den Schiffen sprangen, lieber starben, oder - krank und geschwächt - über Bord geworfen wurden.
Historische und rechtliche Gültigkeit
Der ghanaische Menschenrechtsexperte Kojo Asante vom Ghana Center for Democratic Development (CDD-Ghana) hält den Vorstoß für eine Initiative mit "historischer und rechtlicher Gültigkeit". Im DW-Interview betont er, der transatlantische Sklavenhandel habe die betroffenen Länder tiefgreifend geprägt - mit Folgen, die bis heute nachwirkten. Seit Langem bemühten sich Staaten um Anerkennung und zumindest eine Entschuldigung der einstigen Täter. Für manche Regierungen sei dies ein jahrzehntelanger politischer Kampf.
In Ghana stehe das Thema schon länger auf der Agenda. Mahama sei nicht der erste Präsident, der Reparationsforderungen unterstütze. Auch sein Vorgänger Nana Akufo-Addo habe sich dafür eingesetzt, erinnert Asante.
Nächster Schritt: Forderung nach Reparationen?
Bereits im vergangenen Jahr erklärte die Afrikanische Union 2025 zum "Jahr der Gerechtigkeit für Afrikaner durch Reparationen". Reparationen sollen laut Resolution als zukunftsorientierte Instrumente verstanden werden, die mit Entwicklung verknüpft sind.
Mahama stellte jedoch klar, dass es zunächst nicht um konkrete Geldsummen gehe, sondern um die Anerkennung der historischen Wahrheit. Finanzielle Fragen würden zu gegebener Zeit diskutiert.
Aufarbeitung? Widerstand aus dem Westen
Menschenrechtsexperte Asante verweist zugleich auf eine erstarkende Gegenbewegung, insbesondere in ultrakonservativen Kreisen der USA. Im Umfeld der nationalen Sicherheitspolitik von Donald Trump werde argumentiert, man wolle nicht für die Taten der Vorfahren zur Verantwortung gezogen werden.
Der transatlantische Sklavenhandel sei daher eine politisch sensible und umstrittene Frage - vor allem für jene Länder, die wirtschaftlich von Sklaverei und Kolonialismus profitiert hätten.
Wie denkt die Zivilgesellschaft?
Vor allem junge Menschen unterstützten die Initiative, sagt Asante. Zwar sei das Thema für viele noch abstrakt, doch insbesondere historisch interessierte junge Ghanaer stünden dahinter.
Gleichzeitig warnt der Experte vor einer zu starken Fixierung auf die Vergangenheit. Junge Menschen erwarteten vor allem gute Regierungsführung in der Gegenwart. Historische Gerechtigkeit sei wichtig, doch entscheidend sei, was politische Eliten heute mit ihrer Macht machten und welche Chancen sie eröffneten. Viele Probleme in afrikanischen Staaten seien hausgemacht und nicht allein kolonialen Mächten zuzuschreiben.
Ein Wettbewerb der Verbrechen?
Präsident Mahama hatte erklärt, in der jüngeren Geschichte gebe es kein schwereres Unrecht gegen die Menschheit als den Sklavenhandel. Kritiker werfen die Frage auf, ob damit andere historische Verbrechen - etwa der Holocaust - relativiert würden.
Asante weist diesen Vergleich zurück. Es gehe nicht um ein Ranking historischer Gräueltaten, sondern darum, den transatlantischen Sklavenhandel als das anzuerkennen, was er gewesen sei: eine zutiefst unmenschliche Praxis mit globalen Folgen. Die anhaltenden Auswirkungen von Rassismus zeigten, wie gegenwärtig dieses Kapitel der Geschichte noch sei. Entscheidend sei die Anerkennung - und die Lehre, dass sich solche Verbrechen nicht wiederholen dürfen.
Afrikanische Mitverantwortung
Mahama betonte zudem, die Wahrheit über die Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels müsse "vollständig erzählt" werden.
Kritiker sagen: Dazu gehöre auch, dass afrikanische Eliten, Händler und Königreiche als Vermittler am Handel beteiligt waren. Historiker gehen davon aus, dass ein Großteil der in Afrika gefangenen Menschen von anderen Afrikanern versklavt und dann an europäische Händler verkauft wurde.
Asante räumt ein, dass auch diese Aspekte Teil der historischen Wahrheit seien. Formen von Sklaverei habe es in afrikanischen Gesellschaften bereits vor dem transatlantischen Handel gegeben. Auch diese Geschichte müsse anerkannt werden, da sie ebenfalls soziale und wirtschaftliche Folgen hatte.
Warum der Fokus auf den "transatlantischen" Handel?
Zwar war der transatlantische Sklavenhandel nicht die einzige Form von Sklaverei in Afrika. Dennoch, so Asante, habe gerade dieser Handel besonders gravierende wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Auswirkungen gehabt. Seine globalen Folgen prägten die Weltordnung bis heute.
Gleichzeitig betont der Menschenrechtsexperte: So wichtig die historische Aufarbeitung auch sei - afrikanische Führungspersönlichkeiten stünden vor enormen Aufgaben in Gegenwart und Zukunft. Die Verantwortung für Entwicklung und gute Regierungsführung liege heute in erster Linie bei ihnen selbst.