Minneapolis: Offizieller Bericht bringt Trump in Bedrängnis
28. Januar 2026
Der erste umfassende offizielle Bericht der Sicherheitsbehörden zu den tödlichen Schüssen von Bundesbeamten auf den US-Bürger Alex Pretti in Minneapolis bringt die Regierung von Donald Trump in Bedrängnis. In dem Papier, das die Grenzschutzbehörde CBP per E-Mail an Mitglieder des US-Parlaments schickte, ist laut US-Medien keine Rede davon, dass Pretti nach seiner Waffe gegriffen habe. Dies war ein Kernelement der frühen Deutung des Vorfalls als Akt der Notwehr durch die Regierung.
Schon kurz nach dem Einsatz am Samstag hatte Heimatschutzministerin Kristi Noem von legitimer Selbstverteidigung der Sicherheitskräfte gesprochen - weil Pretti eine Waffe geschwungen und die Beamten in eine bedrohliche Lage gebracht habe. Videoaufnahmen, die in sozialen Medien veröffentlicht wurden, legen jedoch einen anderen Hergang nahe. Im Untersuchungsbericht, der sich auch auf Körperkamera-Mitschnitte der beteiligten Beamten stützt, ist Noems Darstellung nicht mehr zu finden.
Frauen mit Trillerpfeifen
Zum Ablauf heißt es laut CBS News, die Sicherheitskräfte hätten auf der Straße zwei Frauen mit Trillerpfeifen angetroffen und diese aufgefordert, aus dem Weg zu gehen. Als sie weggestoßen worden seien, habe sich Pretti eingemischt, woraufhin er in Gewahrsam genommen werden sollte. Es sei zu einem Gerangel gekommen, in dem ein Beamter mehrfach gerufen habe, der Mann sei bewaffnet. Dann habe erst ein Grenzschutzbeamter der Border Patrol und schließlich ein CBP-Beamter auf ihn geschossen. Ob alle Kugeln Pretti trafen, bleibt offen.
US-Präsident Donald Trump sagte vor Journalisten, er lehne die Verunglimpfung Prettis als "Attentäter" ab. Zugleich kritisierte er, dass Pretti eine Schusswaffe getragen habe. "Man darf keine Waffen haben, man darf nicht mit Waffen herumlaufen, das geht nicht", sagte Trump, dessen Republikaner traditionell für das Recht auf freien Waffenbesitz einstehen. Zugleich sprach er von einem "bedauerlichen Vorfall". Nach Polizeiangaben war Pretti zum Tragen einer Schusswaffe befugt.
Trump geht auf Distanz
Der Präsident distanziert sich damit von Äußerungen seines Beraters und Vize-Stabschefs Stephen Miller, der den getöteten Krankenpfleger zunächst als "Attentäter" bezeichnet hatte. Miller selbst erklärte nun, er habe die Bezeichnung verwendet, nachdem Noem mit der Falschbehauptung hervorgetreten sei, der 37-Jährige habe eine Waffe in der Hand gehalten. Die Erklärung ihres Ministeriums habe "auf Berichten der CBP vor Ort" beruht.
Miller sagte der Nachrichtenagentur AFP, das Weiße Haus habe "klare Leitlinien" vorgegeben, wonach Verstärkung in den Bundesstaat Minnesota entsandt wurde, um eine "physische Barriere" zwischen den Bundesbediensteten und den "Störern" zu errichten. Das Weiße Haus prüfe derzeit, warum die Grenzschützer "diesem Protokoll möglicherweise nicht gefolgt sind".
"Wir werden ein bisschen deeskalieren"
Trump gab zu, dass die Regierung bewusst eine andere Tonlage wählt als bisher. "Wir werden ein bisschen deeskalieren", sagte er im US-Sender Fox News. Der 79-Jährige ließ aber auch erkennen, dass er in der Sache hart bleiben will. Die angestrebte Deeskalation stelle keinen "Rückzug" der Bundesbehörden aus Minnesota dar, sondern eine "kleine Änderung", betonte er.
Sein nach Minneapolis entsandter Grenzschutzbeauftragter Tom Homan habe inzwischen mit dem demokratischen Bürgermeister Jacob Frey und dem ebenfalls demokratischen Gouverneur des Bundesstaats, Tim Walz, gesprochen. "Ich höre, die Dinge laufen sehr gut", sagte Trump.
Gegenwind aus den eigenen Reihen
Der Druck auf den US-Präsidenten war nach Prettis Tötung und den tödlichen Schüssen auf die unbewaffnete Autofahrerin Renée Good am 7. Januar nicht allein durch Proteste in mehreren Städten gewachsen, sondern auch durch Gegenwind aus den eigenen Reihen. Der zuletzt Trump-kritische Senator der Republikaner, Rand Paul, forderte im Onlinedienst X, alle an den Tötungen beteiligten Einsatzkräfte "bis zum Abschluss einer unabhängigen Untersuchung zu beurlauben".
Der Kongressausschuss für Innere Sicherheit, dem Paul vorsitzt, lud zudem die Leiter von drei US-Bundesbehörden vor. Der Chef der Einwanderungsbehörde ICE, Todd Lyons, der Leiter der Grenzschutzbehörde CBP, zu der die Grenzkontrolleinheit Border Patrol gehört, Rodney Scott, sowie der Direktor der Einwanderungsbehörde USCIS, Joseph Edlow, sollen am 12. Februar vor dem Ausschuss aussagen.
Die Empörung über das Vorgehen der Einwanderungsbehörden könnte zudem zu einer neuen Haushaltssperre führen: Die Demokraten drohen der Trump-Regierung mit einem sogenannten Shutdown ab Freitagabend, falls die Auflagen für die Einsatzkräfte von Grenzschutz und Einwanderungsbehörden nicht verschärft werden. Der nach dem letzten Government Shutdown im November verabschiedete Übergangshaushalt läuft am 30. Januar aus. Für eine Verlängerung braucht die Regierung auch Stimmen der Demokraten.
Spritzen-Attacke auf Ilhan Omar
Unterdessen wurde die prominente demokratische US-Abgeordnete Ilhan Omar bei einem Auftritt in Minneapolis von einem Mann im Publikum angegriffen. Omar forderte angesichts des gewaltsamen Vorgehens der Bundesbehörden in der Stadt gerade den Rücktritt von Heimatschutzministerin Noem, als der Unbekannte plötzlich aufstand, auf sie zuging und sie mit einer nicht zu erkennenden Substanz anspritzte. Dabei rief er: "Sie müssen zurücktreten." Nach Angaben einer Mitarbeiterin der Nachrichtenagentur Reuters, die zugegen war, roch die Flüssigkeit nach Ammoniak und verursachte leichte Reizungen im Hals.
Videos des Vorfalls zeigen, wie der Angreifer eine Flüssigkeit auf Omar spritzt und sie beschimpft. Sicherheitskräfte überwältigen den Täter, bringen ihn zu Boden und führen ihn dann aus dem Raum. In den wenigen Sekunden, bis der erste Personenschützer eingriff, schien der Mann nicht zu versuchen, sich auf die unmittelbar vor ihm am Podium stehende Abgeordnete zu stürzen oder sie weiter tätlich anzugehen.
"Wir bleiben widerstandsfähig"
Omar setzte ihren Auftritt danach fort. Man dürfe Angreifern nicht das letzte Wort überlassen, sagte die 43-Jährige. Menschen wie der Täter verstünden nicht, dass der Bundesstaat Minnesota und seine Bürger stark seien. "Wir bleiben widerstandsfähig - was auch immer sie vielleicht auf uns schleudern", sagte Omar unter Jubel und Applaus der Anwesenden. "Ich werde meine Rede zu Ende führen."
Auf der Plattform X schrieb sie später noch, ihr gehe es gut. Ein "kleiner Unruhestifter" werde sie nicht einschüchtern und davon abhalten, ihre Arbeit zu machen. Omar dankte den Bürgern ihres Wahlkreises, die zu ihr hielten. Ihr Büro erklärte, der Angreifer sei festgenommen worden.
US-Präsident Donald Trump hatte die Abgeordnete in der Vergangenheit wiederholt verunglimpft. Mit Blick auf ihre somalischen Wurzeln legte er der US-Bürgerin mehrfach nahe, sie solle nach Somalia "zurückgehen". Bisweilen bezeichnete er die linke Abgeordnete auch als "garstig" oder machte sich über das Kopftuch der Muslima lustig.
Diplomatischer Affront gegen Ecuador
In Minneapolis setzte die Einwanderungsbehörde ICE derweil ihre Razzien fort. Das Außenministerium Ecuadors verurteilte den Versuch eines ICE-Mitarbeiters, in das ecuadorianische Konsulat einzudringen. Mitarbeiter hätten den Zutritt des ICE-Vertreters verhindert, um "die Ecuadorianer zu schützen, die sich zu diesem Zeitpunkt in dem Konsulat aufhielten", erklärte das Ministerium in Quito. Die Regierung von Präsident Daniel Noboa, einem der engsten Verbündeten Trumps in Lateinamerika, richtete wegen des Vorfalls eine Protestnote an die US-Botschaft in Ecuador.
Die ICE-Einsätze mit schwerbewaffneten und oft maskierten Beamten sind Teil der verschärften Abschiebepolitik in der zweiten Amtszeit von Donald Trump. Auch im jüngsten Interview mit Fox News verteidigte der Präsident das Vorgehen: "Wir haben Tausende unbelehrbare Kriminelle aus Minnesota entfernt." Kritiker ziehen dagegen Vergleiche mit Deutschland in den 1930er Jahren und sprechen von "Nazi-Methoden".
jj/se (dpa, afp, rtr)
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