Angst, Leere, Stillstand: Chicagos Migrantenviertel nach den Razzien
Die Razzien gegen Einwanderer in den USA haben auch in Chicago deutliche Spuren hinterlassen. In Vierteln wie Little Village bestimmen Angst, wirtschaftliche Einbußen und Unsicherheit den Alltag vieler Bewohner.

Stille in Little Village
Leere Straßen in Little Village: Wo früher Musik, Stimmen und Verkehr dominierten, herrscht nun Stille. Nachdem das Heimatschutzministerium die Operation "Midway Blitz" gestartet hat, meiden viele Bewohner aus Angst vor Festnahmen den öffentlichen Raum. Ein Graffiti an der Wand fordert "ICE OUT!" - ICE steht für die US-Einwanderungsbehörde, die Polizeibefugnisse hat.
Gnadenloses Kommando
Greg Bovino ist Chef einer Grenzpatrouille und leitet in der Region die von US-Präsident Donald Trump angeordnete Offensive gegen illegale Einwanderung. Bovino und seine Bundesagenten organisieren die Razzien im Viertel Little Village. Die massive Präsenz der teils schwer bewaffneten Beamten ist das sichtbare Symbol einer Durchsetzungspolitik, die ganze Nachbarschaften verändert hat.
Überall Umsatzeinbußen
Das leere Restaurant "The Nuevo Leon" in Little Village. Binnen Wochen verloren Gastronomen und Händler einen Großteil ihres Umsatzes. Denn seit den Razzien bleiben die Kunden weg. Sie müssen befürchten, von ICE-Polizisten festgenommen und in staatliche oder privat betriebene Haftzentren gebracht zu werden. Und damit weit weg von Zuhause.
Psychischer Ausnahmezustand
Evelyn Flores, die Inhaberin des Quinceañera-Ladens Alborada, musste bereits sieben ihrer Mitarbeiter entlassen. "Ich kann nachts nicht schlafen und bin tagsüber ständig in Panik", sagt sie. Vor den harten Maßnahmen war ihr Geschäft ein fröhlicher Ort, an dem aufwendige Ballkleider und glitzernde Diademe verkauft wurden und an dem Mädchen kichernd und tanzend in ihren Kleidern herumwirbelten.
Die Razzien fördern den Zusammenhalt
Bewohner von Little Village beobachten eine Kontrolle aus sicherer Entfernung. "Es fühlt sich nicht mehr wie unser Leben hier an", sagt eine Anwohnerin. Viele Familien bleiben zu Hause und schicken ihre Kinder nicht allein zur Schule. Selbst Einkäufe sind vielen Menschen zu riskant, so bleiben Kühlschränke oft leer. Es gibt allerdings auch gegenseitige Hilfsangebote, um den Alltag zu bewältigen.
Verlorene Jugend
Die 15-jährige Kamila spielt mit Peluchin, dem Hund ihres Cousins. Dieser war auf dem Weg zu seiner Arbeit in Little Village von Beamten der Einwanderungsbehörde festgenommen worden. Seitdem geht Kamila nur noch in die Schule und sonst nirgendwo mehr hin. Und Peluchin wartet stundenlang mit der Nase am Fenster auf die Rückkehr seines Herrchens.
Sorge um die Zukunft der Kinder
Kamilas Mutter weint vor Verzweiflung. "Meine Tochter ist 15 Jahre alt, sie sollte nicht so leben müssen“, sagt Sofia, die ohne legalen Aufenthaltsstatus aus Mexiko in die USA gekommen ist. Nun überlegt sie, wieder zurückzukehren: "Hier gibt es doch kein Leben mehr!"
Zerbrochene Existenzen
In einem leeren Friseursalon sind die Hälfte der Stühle mit Plastikfolie umwickelt. Besitzerin Roxana streicht ihren gestylten Pony zurück und zeigt ihr schütteres Haar. Das sei ihr, wie sie sagt, durch den Stress ausgefallen. Seit Beginn der ICE-Razzien muss sie einen Umsatzrückgang von 80 Prozent verkraften.
Gemeinsam gegen ICE
Auf einem handgeschriebenen Zettel in einem geschlossenen Geschäft steht "Unidos Contra ICE" - gemeinsam gegen ICE. Ungeachtet aller Einschüchterungen organisieren die Bewohner ihren Protest. So versuchen sie, ihr Viertel gegen das langsame Ausbluten zu verteidigen.