Sex, Gift, Kindesmissbrauch: Affären bedrohen Orbans System
13. Februar 2026
Die Ungarn erleben seit Jahrzehnten extrem polarisierte Wahlkämpfe. Ob in der Opposition oder an der Macht - vor jeder Wahl inszeniert Viktor Orban bereits Monate im voraus eine Kampagne, in der es angeblich um Leben und Tod der ungarischen Nation geht. Darin kommt er als der einzige vor, der Ungarn vor dem Bösen und der Zerstörung durch Feinde der Nation retten kann.
Diesmal, vor der Parlamentswahl am 12. April, fällt die Negativkampagne noch extremer aus als sonst. Orban, seine Regierung und seine Partei Fidesz scheuen sich nicht, Ungarn mit Abertausenden antiukrainischen Plakaten zu pflastern, auf Steuerzahlerkosten eine "Nationale Petition" gegen die EU und die Ukraine zu verschicken und die sozialen Medien mit AI-generierten Fake-Videos über die Opposition zu fluten, denen im Inhalt sämtlich eines gemein ist: Sie verbreiten blanken Unsinn und frei Erfundenes. Der Premier und sein Gefolge behaupten nichts Geringeres, als dass den Ungarn im Falle von Orbans Wahlniederlage Krieg, Mobilisierung an die ukrainische Front, Versklavung und Massenverarmung durch Brüsseler Steuererhöhungen drohen würden.
Der sonst eher nüchterne Politologe Gabor Török beklagt angesichts dieser besonders extremen Kampagne den "Niedergang und Verfall" der politischen Kultur. Grund dieses Abgleitens ist schlicht die reale Möglichkeit eines Machtverlustes für Orban, die erstmals seit 2010 besteht. Allgemein hat sich Müdigkeit mit dem korrupten und selbstherrlichen Regime des Autokraten breit gemacht. Die Oppositionspartei Tisza liegt mit ihrem Chef Peter Magyar seit Monaten deutlich und unverändert in Führung. Zugleich kämpfen der Premier und seine Regierung mit den Folgen selbstverschuldeter öffentlicher Skandale, die alle in die Kategorie "Lügen und Doppelmoral" fallen.
In einer Affäre, die seit Monaten mit immer neuen Episoden Schlagzeilen macht, geht es um schwerste Gewalt und sexuellen Missbrauch von Minderjährigen in einem Budapester Kinderheim, das faktisch ein brutales Jugendgefängnis war und inzwischen geschlossen wurde. Geleakte Videos zeigen schockierende Gewaltszenen durch Angestellte des Heims. Regierungsvertreter wussten offenbar seit langem von den Zuständen, unternahmen aber nichts. Dabei ist Kindesschutz - gepaart mit Homophobie - ein vorrangiges Thema der Orban-Regierung. Ihrem Narrativ zufolge bewahrt sie die ungarischen Kinder vor der "Brüsseler LGBTQ-Propaganda" und vor dem sich daraus angeblich ergebenden Missbrauch.
Damit nicht genug: Orban selbst sowie einige seiner Regierungsmitglieder und Parteifreunde machten in der Affäre mit gehässigen Bemerkungen vor einigen Wochen indirekt die Opfer aus dem Kinderheim verantwortlich: Es handele sich bei ihnen um Straftäter. Damit suggerierten sie, dass Bürger- und Menschenrechte nach Gutdünken außer Kraft gesetzt werden könnten - und brachten Teile der ungarischen Öffentlichkeit noch mehr gegen sich auf.
Zum Schweigen bringen
Anfang dieser Woche wiederum erschütterte eine Enthüllung über Umwelt- und Gesundheitsprobleme in einer Samsung-Batteriefabrik im Ort Göd nördlich von Budapest die Öffentlichkeit. Nach einer Recherche des Portals Telex sollen dort über Jahre hinweg Beschäftigte wissentlich giftigem Schwermetallstaub ausgesetzt gewesen sein. Außerdem soll der Staub an die Luft, in den Boden und in das Grundwasser gelangt sein. Zulässige Grenzwerte wurden Dokumenten zufolge teils um mehr als das 500fache überschritten.
Die ungarische Regierung wusste offenbar davon. Sogar der ungarische Inlandsgeheimdienst (AH) soll die Regierung vor den katastrophalen Zuständen gewarnt haben. Doch auf Drängen des Außenministers Peter Szijjarto soll die Batteriefabrik nicht geschlossen worden sein. Als das Anti-Korruptionsportal Atlatszo Anfang 2024 erstmals über die katastrophalen Zustände berichtete, soll auf Regierungsebene überlegt worden sein, wie man das Portal am besten zum Schweigen bringt.
Die Affäre ist deshalb so brisant, weil die Orban-Regierung den massiven Ausbau der Batterie-Produktion seit Jahren vorantreibt und ihn als eine Säule zukunftsorientierter Wirtschafts- und Technologiepolitik für das Land sieht. Vor allem chinesische und südkoreanische Investoren wurden dafür ins Land geholt. Trotz zahlreicher lokaler Proteste, Gerichtsverfahren und Bedenken von Experten zog die Regierung ihre Pläne immer wieder durch. Nun stellt sich heraus, dass den selbsternannten Beschützern der ungarischen Nation die Gesundheit von Beschäftigten und Umweltverschmutzung egal waren.
Affäre um mögliches Sexvideo
Schließlich hält auch eine vermeintliche Sexvideo-Affäre um den Oppositionsführer Peter Magyar die Öffentlichkeit in Atem. Auf einer mysteriösen Webseite mit dem Domainnamen des Tisza-Vizechefs Mark Radnai - die jedoch diesem nicht gehört - tauchte vor einigen Tagen das Bild eines unaufgeräumten Schlafzimmers auf, aufgenommen aus der Perspektive einer Überwachungskamera. Nach tagelangen Spekulationen erklärte Magyar selbst dazu am Donnerstag (12.02.2026) in einem Facebook-Reel, dass er in dem betreffenden Zimmer in der Nacht zum 3.08.2024 "einvernehmlichen Sex" mit einer damaligen Freundin gehabt habe. In der Wohnung hätten auf einem Tisch auch Drogen gelegen, er habe jedoch keine genommen.
Magyar beschuldigte zunächst die besagte Freundin ihn im Auftrag der Orban-Regierung und des Fidesz in dieser Situation gefilmt zu haben. Das Ganze sei eine "Kampagne in russischem Stil". Damit solle von der "Todesfabrik" in Göd abgelenkt werden. Die Ex-Freundin dementierte kurz darauf gegenüber ungarischen Medien, dass sie von der Sache gewusst habe, und schlug Magyar vor, im Falle einer Veröffentlichung des Videos gemeinsam Strafanzeige zu erstatten.
Keine Dominanz mehr
Es gibt bisher keine konkrete Aussage von Orban oder anderen Regierungs- und Fidesz-Vertretern, dass eine Veröffentlichung eines Sexvideos mit Magyar geplant war. Doch mit seiner Flucht nach vorn hat der Tisza-Chef Ungarns Machthaber indirekt bloßgestellt - als Clique, die es aus Angst vor einem Machtverlust nötig hat, zu solch niederen Methoden wie der Veröffentlichung von Sexvideos zu greifen, um damit von anderen Affären abzulenken.
Der Politologe Daniel Mikecz sagt in einem Interview mit DW Ungarisch, dass die Orban-Regierung durch solche Affären allgemein immer mehr unter Druck gerate. "Die einen Skandale sind noch nicht vorbei, da kommt ein neuer", so Mikecz in der Interview-Serie "Kampagnen-Rauschfilter". "Beim Fidesz hieß es ursprünglich, dass man jeden Tag dominieren und gewinnen müsse. Statt dessen sehen wir, dass sie jeden Tag auf irgendetwas reagieren müssen. Von Dominanz ist keine Rede mehr."