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KonflikteSomalia

Warum die Türkei die Ölreserven Somalias anzapfen darf

Sertan Sanderson
20. April 2026

Die Türkei will vor der somalischen Küste nach Öl bohren. Wer profitiert am meisten von der Partnerschaft - und welche Rolle spielen regionale Spannungen, in die auch der Iran verwickelt ist?

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Somalia Mogadischu 2026 | Türkisches Bohrschiff Cagri Bey im Indischen Ozean
Das türkische Bohrschiff "Cagri Bey" soll Somalias unerschlossene Ölreserven erkunden Bild: Feisal Omar/REUTERS

Das türkische Tiefsee-Explorationsschiff "Cagri Bey" ist kürzlich vor der Küste von Mogadischu angekommen. Dort soll angesichts der anhaltenden weltweiten Öl-Verknappung aufgrund des Iran-Kriegs die Suche nach dem schwarzen Gold beginnen.

Die Bohrung soll eine Tiefe von 7500 Metern erreichen - eine der tiefsten Offshore-Bohrungen weltweit.

Das staatliche türkische Mineralölunternehmen TPAO wird sich auf drei Offshore-Explorationsblöcke vor der somalischen Küste konzentrieren, die jeweils etwa 5000 Quadratkilometer groß sind. Laut der Nachrichtenagentur Reuters wird es zehn Monate dauern, bis die Tiefseevorkommen erreicht sind und mit der Förderung begonnen werden kann.

Wer profitiert am meisten von dieser Partnerschaft?

Somalias Präsident Hassan Sheikh Mohamud glaubt, der Deal könnte eine Wende herbeiführen: "Unsere natürlichen Ressourcen sind Milliarden - wenn nicht gar Billionen - Dollar wert, und sie dürfen nicht schlecht verwaltet werden", sagte er bei der Einweihung Anfang April.

Wären nicht die Konflikte und Unruhen in der Region gewesen, "hätte Somalias Öl die internationalen Märkte schon viel früher erreichen können". Die Gewinne aus den Ressourcen, so Mohamud, "werden allen Somaliern zugutekommen, wo auch immer sie im Land leben". 

Die beiden Energieminister der Türkei und Somalias schütteln Hände
Somalias Minister für Bodenschätze, Dahir Shire Mohamed, hat die Einzelheiten des Fördervertrags mit dem türkischen Energieminister Alparslan Bayraktar vor fast einem Jahr unter Dach und Fach gebrachtBild: Turkish Ministry of Energy and Natural Resources/Handout/Anadolu/picture alliance

Somalias Minister für Erdöl und Bodenschätze, Dahir Shire Mohamed, bezeichnete die Ankunft des Explorationsschiffs Cagri Bey als "historischen Tag", der "einen Neuanfang in der Ölförderung" signalisiere.

Nach den Worten der Abgeordneten Aisha Koos Mohamud Omar wird das Projekt in ganz Somalia "Armut in Wohlstand" verwandeln. "Heute beginnen wir, von den natürlichen Ressourcen zu profitieren, die seit Millionen von Jahren unter unserem Boden schlummern", erklärte sie gegenüber der DW.

Die Begeisterung ist auch auf den Straßen von Mogadischu zu spüren: Dort erzählen Einwohner der DW von ihren Hoffnungen für die Zukunft. Viele zeigen den Daumen nach oben, wenn die Türkei erwähnt wird.

"Ich glaube, wenn die Bohrungen erfolgreich sind, wird sich vieles ändern. Insbesondere könnten die Energiepreise sinken, unsere Abhängigkeit von importiertem Treibstoff könnte abnehmen, und wir könnten echte Verbesserungen bei der Infrastrukturentwicklung erleben", sagt der Taxifahrer Zakaria Ahmed Aden. 

Die Begeisterung in Somalia beantwortet jedoch nicht die Frage, was der andere Partner in dieser Beziehung, die Türkei, mit der Vereinbarung gewinnt. Die Türkei hatte vor anderthalb Jahrzehnten erstmals Fuß am Horn von Afrika gefasst, so der DW-Korrespondent Mohamed Kahiye in Mogadischu. 

Was macht die Türkei in Somalia? 

"Die Beziehungen der Türkei zu Somalia reichen bis ins Jahr 2011 zurück, als die Türkei eine groß angelegte humanitäre Hilfsaktion startete und den betroffenen Gemeinden auf dem Höhepunkt einer schweren Dürre dringend benötigte Hilfe leistete", erklärt er.

Seitdem hat sich Somalia zum größten Partner der Türkei in Afrika entwickelt. Im Jahr 2024 unterzeichneten die beiden Länder ein auf zehn Jahre angelegtes Rahmenabkommen über Verteidigungs- und Wirtschaftskooperation. Darin erklärte sich die Türkei als NATO-Mitglied bereit, die somalische Küste zu schützen, die seit rund zwei Jahrzehnten regelmäßige Überfälle von Piraten erlebt.

Dies führte dazu, dass die Türkei ihren größten Militärstützpunkt im Ausland in Somalia errichtete und somalische Soldaten ausbildete, die im Kampf gegen Piraterie, islamistische Gruppen wie al-Shabab und Aufständische aus der abtrünnigen Region Somaliland eingesetzt werden.

Somalia I Die ersten Absolventen der türkischen Militärakademie in Somalia
Seit fast einem Jahrzehnt bildet die Türkei somalische Soldaten im Kampf gegen Aufständische und Terroristen ausBild: Sadak Mohamed/AA/picture alliance

Der Fokus liegt nun auf dem Zugang zu den riesigen Ölfeldern vor der Küste der ostafrikanischen Nation: Geologische und seismische Untersuchungen zeigen, dass die Region über Öl- und Gasreserven von mindestens 30 Milliarden Barrel verfügt, die erschlossen werden könnten.

"Viele Somalier sehen das Engagement der Türkei im Land überwiegend positiv. Es gibt jedoch auch abweichende Ansichten, insbesondere hinsichtlich der Verwaltung und der Auswirkungen der neu entdeckten Offshore-Ressourcen", sagte Kahiye.

Türkei: Wachsender Bedarf an Öl

Volkan Ipek ist Politikwissenschaftler an der Yeditepe-Universität in Istanbul. Er erklärte gegenüber der DW, dass die Initiative der Türkei in Somalia den wachsenden Bedarf der Regierung unterstreiche, "zusätzliche Energieressourcen zu finden". "Geplante Abkommen im Golf von Aden, im Indischen Ozean und im Schwarzen Meer spiegeln diese Ambitionen wider."

Nach Ansicht des türkischen Energieministers Alparslan Bayraktar markierte der Start der Ölförderinitiative in Somalia "eine neue Ära in der türkischen Erdölförderung".

Woher bezieht die Türkei ihr Öl?

Die Position der Türkei im Energiesektor verdeutlicht, warum so viel auf dem Spiel steht: Mit einer Bevölkerung von 86 Millionen Menschen hat das Land einen enormen Bedarf an Öl. Etwa drei Viertel der Energieversorgung des Landes hängen von Importen aus dem Ausland ab. Dabei wird es für Ankara immer schwieriger und kostspieliger, Öl weiterhin von Russland und dem Iran zu kaufen, zwei Ländern mit unterschiedlichen geopolitischen Interessen.

Da das Nachbarland Syrien durch mehr als ein Jahrzehnt Krieg verwüstet ist, der Iran sich derzeit im Krieg befindet und Russland den Krieg in der Ukraine fortsetzt, sucht die Türkei aktiv nach Alternativen.

Streut die Türkei Somalia Sand in die Augen?

Laut Afyare Abdi Elmi, Forschungsprofessor an der City University of Mogadishu, ist das Verhältnis zwischen den beiden Ländern nach wie vor von Wohlwollen geprägt. Das Engagement der Türkei in der Region sei eine "Win-Win-Kooperation", sagte er dem staatlichen türkischen Sender TRT.

"Somalia bietet als strategischer Standort ein Tor zu Ostafrika, die Türkei ist auch wirtschaftlich und handelspolitisch an diesem Teil der Welt interessiert."

Somalia Krankenhaus Erdogan-Plakat
Die meisten Somalier sehen in der Türkei einen positiven Einflussfaktor in der RegionBild: Volkan Furuncu/AA/picture alliance

In einem Artikel im kanadischen Online-Medium Geopolitical Monitor schreibt der Analyst Arman Sidhu, die Türkei habe sich tiefgreifend auf jeder Ebene ihrer Zusammenarbeit mit Somalia etabliert. Und zwar so sehr, dass Begriffe wie "Zusammenarbeit" und "Partnerschaft" die Natur der Vereinbarung nicht widerspiegeln würden.

"Die Türkei hat die operative Kontrolle über fast alle strategischen wirtschaftlichen Vermögenswerte in Somalia übernommen", schreibt Sidhu. Er betont, dass sich die türkische Regierung "in den Einnahmeströmen Somalias eine Vorrangstellung gesichert hat", im Gegensatz zu anderen Akteuren in Afrika wie China und Russland.

Laut Sidhu ist die Türkei heute "so tief eingebettet, dass ihr Rückzug einen institutionellen Zusammenbruch" in Somalia bedeuten könnte. Denn ein Großteil des Landes sei mittlerweile von der Türkei abhängig - von Hilfsleistungen über Entwicklungshilfe bis hin zu militärischer Unterstützung. Das weite sich nun auch auf die Bedingungen des Ölförderprojekts aus.

Allein das Sicherheitsaufgebot um Cagri Bey zeigt, wie wichtig die Integrität und die Durchführbarkeit des Ölprojekts für Ankara sind.

Mohamed Kahiye in Mogadischu hat zu diesem Bericht beigetragen.