Wie Georgiens Kreative für ihre Freiheit kämpfen
19. Dezember 2025
Die Gitarre steht seit einem Monat unbenutzt in der Ecke, Natuka Natsvlishvili hat sie nicht mehr angerührt. "Ich fühle mich nicht danach", sagt die 35-jährige Musikerin und Komponistin: "Ich bin deprimiert und glaube, dass ich nicht das Recht habe, zu Hause zu sitzen und an meiner Musik zu arbeiten."
Musik macht die Georgierin schon, seit sie 15 Jahre alt ist. Sie schreibt eigene Songs, hat ein Album aufgenommen, die Gitarre ist ihr wichtigstes Instrument. "Mein Gefühl ist, dass wir jetzt einfach nur kämpfen müssen", sagt Natsvlishvili der DW. Kämpfen will sie gegen die aktuelle Regierung, durch die sie ihre Freiheit und die ihres ganzen Landes in Gefahr sieht.
Seit mehr als eineinhalb Jahren erlebt die Kaukasus-Republik Georgien massive Protestwellen: im Mai 2024 gegen das sogenannte Auslandsagenten-Gesetz, das Behörden erlaubt, gegen Stiftungen, unabhängige Organisationen und Medien vorzugehen, seit Herbst 2024 gegen den Stopp der Beitrittsgespräche mit der EU.
Gegen Demonstranten geht die Regierung teils mit Gewalt vor, inhaftiert und verurteilt sie, vom "Missbrauch des Justizsystems" schreibt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Im September wurden der Schauspieler Andro Chichnadze und 18 weitere Personen wegen "kollektiver Störung der öffentlichen Ordnung" verurteilt - sie hatten an Demonstrationen teilgenommen.
Neue Gesetze sorgen für Verunsicherung
Natsvlishvili nimmt oft an den Protesten vor dem Parlamentsgebäude in Tiflis teil. Sie hat das Gefühl, dass die Regierung ständig neue Gesetze mit dem Ziel der Repression verabschiedet: "Sie können uns jetzt schon ins Gefängnis stecken, wenn wir einfach auf dem Bürgersteig stehen." Die Angst, der tägliche Kampf um Grundrechte - das alles schränkt die Kreativität ein. "In naher Zukunft wird es in diesem Land keinen Platz für Kunst geben, sich frei auszudrücken ist nicht mehr erwünscht", sagt Natsvlishvili.
"Kunst tritt gerade in den Hintergrund", sagt auch David Apakidze, bildender Künstler aus Tiflis. Der 27-Jährige spielt damit auch aufs Finanzielle an: Viele georgische Kunstschaffende seien auf Unterstützung aus dem Ausland angewiesen, doch seit dem Inkrafttreten des sogenannten Agentengesetzes herrscht große Verunsicherung - sowohl bei Gebern als auch bei Empfängern. Das Gesetz verpflichtet alle Medien und NGOs, die zu mehr als 20 Prozent aus dem Ausland finanziert werden, sich zu registrieren und sich selbst als "Interessen von Auslandsmächten" zu kennzeichnen. "Es ist kompliziert geworden, als Künstler seiner Arbeit nachzugehen und trotzdem irgendwie über die Runden zu kommen", erklärt Apakidze.
Er erschafft Objekte aus buntem Glas, verbindet Elemente des orthodoxen Christentums mit queerer Identität - und gerät damit gleich doppelt ins Visier der georgischen Regierung, die sich seit langem dem Kampf gegen die, wie sie es nennt, "LGBTQ-Propaganda" verschrieben hat.
2024 hat sie ein Gesetz verabschiedet, das die Rechte von Homosexuellen und sexuellen Minderheiten massiv einschränkt und die "Propaganda von gleichgeschlechtlichen Beziehungen" beenden soll - Kritiker sehen darin vor allem eine Stigmatisierung. Für Apakidze hatte das direkte Folgen: Das 2020 von ihm mitbegründete Künstler-Kollektiv "Project Fungus", eine Art Aushängeschild und Netzwerk für queere Kunst, wurde eingestellt. "Mit diesen ganzen neuen Gesetzen war es zu gefährlich, das weiter zu betreiben - sowohl für uns, als auch für unsere Geldgeber".
"Desinformation und LGBTQ+-Propaganda"
Apakidze hat auch Erfahrungen damit, wie es ist, die Aufmerksamkeit queer-feindlicher Parlamentarier auf sich zu ziehen: Zum "Project Fungus" hat er ein begleitendes Buch verfasst, in dem auf 100 Jahre queere Kunst in Georgien zurückgeblickt wird. Ein Abgeordneter bezeichnete das Buch bei einer Pressekonferenz als "Desinformation und LGBTQ+-Propaganda". Kurz darauf kündigte man Apakidze und seinen Mitstreitern die Location für die geplante Präsentation des Buchs. "Das war eine sehr beängstigende Situation", erinnert sich Apakidze, "aber wir haben die Buchvorstellung dann an einem anderen Ort trotzdem durchgezogen, weil wir geahnt haben: Wenn wir es jetzt nicht machen, machen wir es nie mehr."
Wie eng der Diskurs geworden ist, hat auch Mariam Megvinyte erfahren. Die Drehbuchautorin betreibt mit Kollegen ein Theaterkollektiv in Tiflis. Ein Foto von einer Aufführung, bei der zwei Frauen spärlich als Katzen verkleidet miteinander kämpfen, brachte dem Haus Hasskommentare auf Social-Media-Kanälen ein. "Es gab wüste Beschimpfungen unter der Gürtellinie. Unter einem anderen Post hieß es, wir seien keine richtigen Georgier, wir seien beeinflusst vom Westen. Also teile ich jetzt nichts mehr auf Social-Media, was als provokativ angesehen werden könnte. Aber ich weiß auch gar nicht mehr, was provokativ ist, das könnte heutzutage alles sein."
Megvinyte erzählt auch von unbekannten Männern, die ins Theater kämen und sich umgeschaut hätten. Seitdem überlegt sie bei jeder Aufführung, ob im Publikum auch Menschen sitzen, die vor allem dort sind, um zu kontrollieren, was im Theater passiert.
Viele Kunstschaffende fragen sich: Gehen oder bleiben?
Gerade hat Megvinyte einige Zeit am Residenztheater in München verbracht, nun geht es zurück nach Georgien. Ihr Theater in Tiflis ist noch geöffnet, aber sie vermutet, dass die Behörden ihr und ihren Kollegen das Leben schwerer machen werden.
Ob sie sich vorstellen kann zu emigrieren? Das sei schon eine Option, sagt sie, denn sie kann sich partout nicht vorstellen, dass die Situation in Georgien in absehbarer Zeit besser wird. "Andererseits wäre es komisch, zu gehen", sagt Megvinyte, "wir haben all diese politischen Gefangenen, die kann man doch nicht im Stich lassen. Sie sind ja nur durch reinen Zufall im Gefängnis, es hätte genauso gut mich treffen können."