Wiedereröffnung Beethovenhalle: Rückkehr eines Wahrzeichens
12. Dezember 2025
Das Beethovenorchester Bonn hat die Beethovenhalle Bonn am 16. Dezember nach fast zehn Jahren Umbauzeit zu neuem Leben erweckt. Symbolischer und musikalischer Höhepunkt des vierstündigen Eröffnungskonzerts war Gustav Mahlers 2. Sinfonie, die "Auferstehungssinfonie". Großen Applaus gab es auch für Fabian Müller. Der Bonner Starpianist spielte Beethovens Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 G-Dur. In der langen "Beethoven-Nacht", erklang als Kontrapunkt auch die Neukomposition "Everything, always" der jungen kroatischen Komponistin Sara Glojnarić.
Vor rund 1600 Festgästen hielt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Eröffnungsrede. Er trat damit in die Fußstapfen seines Vorgängers Theodor Heuss, der im September 1959 den "kühnen und modernen Bau" (so der damalige Bundespräsident in seiner Festrede) einweihte. Zur Eröffnung der neuen Spielstätte erinnerte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier daran, dass die Beethovenhalle nicht nur dem größten Sohn der Stadt Bonn und seiner Musik gewidmet sei. "Sie ist auch - und Sie ahnen sicher, dass mir das besonders am Herzen liegt - ein Ort der Demokratiegeschichte".
Visitenkarte der "Bonner Republik"
Eine Demokratiegeschichte, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann. Deutschland war am Boden: zerstört, geteilt und international isoliert. Wie sollte ein Neuanfang gelingen? Die westlichen Alliierten forderten die Deutschen auf, eine neue demokratische Ordnung aufzubauen, eine Republik, in die sie wieder Vertrauen setzen können. Aber welche der zerstörten deutschen Städte käme als Regierungssitz infrage?
Man entscheidet sich nach einigem Hin- und Her für Bonn - eine kleine Universitätsstadt am Rhein, im Westen des Landes gelegen. Zudem ist sie der Geburtsort des großen Komponisten Ludwig van Beethoven.
Bonn ist auf seine Rolle als Hauptstadt gänzlich unvorbereitet, man arbeitete mit dem, was da war: So tagt der Parlamentarische Rat erst einmal im Naturkundemuseum, zwischen ausgestopften Tieren und Relikten der Urzeit. Auch ein Konzertsaal fehlte – die alte städtische Beethovenhalle aus dem 19. Jahrhundert wurde während eines Bombenangriffs 1944 zerstört. Doch es soll eine neue gebaut werden: Bei der Ausschreibung 1954, für die sich über 100 Architekten bewarben, gewann der damals 29-jährige Siegfried Wolske.
"Wolske war einer jener blutjungen, motivierten, kreativen Menschen, die den Aufbruchswillen in ein neues Deutschland, in eine junge Demokratie verkörperten", sagt Constanze Falke. Die Denkmalpflegerin und Architekturhistorikerin kämpfte über anderthalb Jahrzehnte für die Rettung und Auferstehung der Beethovenhalle und begleitete die Sanierung als städtische Chefkonservatorin.
"Allerdings lag hinter dem jungen Architekten schon ein langer und dramatischer Lebensweg", erzählt Constanze Falke weiter in einem DW-Gespräch. Mit 18 wurde der Berliner eingezogen, kam in Kriegsgefangenschaft, holte dann, nach seiner Rückkehr, mit 21 Jahren sein Abitur nach und studierte. "Die Stadt Bonn war so mutig ihm auch die Oberbauleitung anzuvertrauen", so Falke.
Das Vertrauen habe sich bewährt: Nach dreieinhalb Jahren Bauzeit wurde die Halle - schlicht, komfortabel und elegant - den Bauherren und -damen übergeben.
In den nächsten60 Jahren ist die Beethovenhalle die "gute Stube" der deutschen Demokratie: Bundesversammlungen und Parteitage werden hier abgehalten, aber auch Bälle und vor allem Konzerte. In 60 Dienstjahren sind es über 15.000 Veranstaltungen. Doch die Halle kommt in die Jahre. Abriss oder Sanierung? Nach heftigen Diskussionen entscheiden sich die Bürgerinnen und Bürger Bonns für den Erhalt der Halle.
Eine Perle der Nachkriegsmoderne
Für Constanze Falke ist die Beethovenhalle eine "Besonderheit im Baugeschehen der Nachkriegsmoderne". Architekturhistorisch gesehen sei das Gebäude ein Beispiel für das sogenannte "Organische Bauen", jener Architekturlehre, die vor allem mit Hans Scharoun verbunden wird. "Tatsächlich war Wolske ein Schüler von Scharoun an der TU Berlin und hat hier die Lehren seines Meisters umgesetzt", so Falke.
Die Ideen der Lehre, entwickelt noch in der Bauhaus-Ära, passten perfekt zur Nachkriegszeit: weg von Protzigkeit und Steife, hin zur schlichten Funktionalität – ein Gegenentwurf zum Nationalsozialismus, auch in der Architektur. Eine bewusste Abkehr von der nationalsozialistischen Gigantomanie. Das Bauwerk in Harmonie mit der Landschaft stand im Mittelpunkt, die Form sollte der Zweckmäßigkeit entsprechen.
Der Schlichtheit der Hülle steht der Reichtum des Innenlebens entgegen - die Materialienliste der Beethovenhalle liest sich wie ein Abenteuerbuch: Italienischer Marmor, schwedischer Granit, Edelhölzer aus Westafrika und Japan. Die Beethovenhalle strotze regelrecht vor internationalen Materialien, bestätigt auch Constanze Falke. Und nennt dafür zwei Gründe. Zum einen seien die Materialien auf den Handelswegen, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgenommen wurden, wieder zu bekommen gewesen. Zum anderen - und dies war der wesentliche Grund - lebe die Beethovenhalle von der Authentizität des Materials. "Das Material selber sollte wirken, es erscheint als genau das, was es ist."
Diese Mannigfaltigkeit aber machte die Sanierung nicht unbedingt einfacher. Auch die Anpassung der in einer ganz anderen Epoche projektierten Räume an moderne Vorgaben und technische Erwartungen verschlang Jahre und Millionen. So stehen zum Schluss über 220 Millionen Euro auf der Rechnung – Erbauer Wolske kam seinerzeit mit knapp 10 Millionen D-Mark aus.
"Wir haben hier eben einen LKW in ein PKW-Garage gefahren", zitiert die Restauratorin Falke einen Arbeitskollegen. Bauen im Bestand sei nun einmal teuer. Die Frage nach der Zweckmäßigkeit des Aufwandes stellt sich für sie jedoch nicht: "Wenn wir ein Denkmal haben, das signifikant für seine Zeit steht, so ist es unsere Aufgabe, es entsprechend zu schützen, zu bewahren und auch als Zeugnis der Vergangenheit den nächsten Generationen zur Verfügung zu stellen."
Eröffnung mit Beethoven und Mahler
Nun wurde die Beethovenhalle vor allem ihrer Urbestimmung zurückgeführt -als Ort, wo man der Musik begegnet. Die Halle ist wieder die Heimspielstätte des städtischen Beethovenorchesters.
Nach fast zehn Jahren Abstinenz freut sich Dirigent Dirk Kaftan auf das neue alte Zuhause: Die Beethovenhalle soll "die Vielfalt der Stadt abbilden - durch Musik, durch Kultur, durch diskursive Programme, Teilhabe- und Community-Projekte, durch Jugendarbeit und Musikvermittlung."
Das zentrale Stück des Abends, Gustav Mahlers Wiederauferstehungssymphonie, spiele das Orchester mit einem Augenzwinkern, aber wirklich nur einem ganz kleinen, so Kaftan. "In diesem Stück geht es um die Dinge, die bleiben - auch wenn wir einmal nicht mehr sind."
Frank-Walter Steinmeier zeigte sich zuversichtlich, dass die Beethovenhalle erneut Strahlkraft entfalten und sich zum kulturellen Zentrum entwickeln werde. "Welcher Ort würde sich besser eignen, um zu experimentieren, um Klassik neu zu interpretieren", sagte er zur Eröffnung. Die Diskussion, wie junge Menschen heute für klassische Musik begeistert werden können und welche neuen Formen der Vermittlung von Kultur dafür gebraucht werden, sei längst im Gang.
Dieser Artikel wurde aktualisiert (GR)
Die Redaktion dankt dem Schafgans-Archiv und persönlich Herrn Boris Schafgans für die freundliche Unterstützung.
Die DW-Übertragung des Eröffnungskonzerts und des Festakts vom 16.Dezember 2025 finden sie auf dem YouTube Kanal DW Classical Music