Zu viel des Guten: So kommt es zum Massentourismus
18. Februar 2026
Noch nie waren weltweit so viele Touristen unterwegs wie im vergangenen Jahr. Die Zahl der internationalen Reisenden belief sich laut World Tourism Barometer, das von der Tourismusorganisation der Vereinten Nationen herausgegeben wird, auf 1,5 Milliarden. Alleine in Europa kamen 793 Millionen internationale Touristen an. Immer mehr Destinationen stoßen angesichts dieses enormen Andrangs an ihre Grenzen und versuchen, dem Massentourismus Einhalt zu gebieten. So etwa Paris und Barcelona, zwei der meistbesuchten Städte weltweit. Die Verwaltung der nordspanischen Stadt beschloss kürzlich eine Verdoppelung der Übernachtungsgebühr. Die französische Hauptstadt hob diese bereits im Jahr 2024 drastisch an. In Rom wiederum müssen Touristen seit Anfang Februar 2026 Eintritt zahlen, um den berühmten Trevi-Brunnen aus nächster Nähe zu sehen. In Venedig gibt es seit 2024 eine Gebühr für Tagestouristen.
Einmal im Leben den Eiffelturm sehen
Wie aber kommt es, dass bestimmte Destinationen besonders große Menschenmassen anlocken? "Man muss in diesem Zusammenhang zwischen Sightseeing- und Bade- oder Erholungstourismus unterscheiden", sagt Hasso Spode. Der Historiker forscht seit Jahren zum Thema Tourismus und hat kürzlich das Buch "TraumZeitReise: Eine Geschichte des Tourismus" veröffentlicht. Natürlich spielten in Städten wie Paris, Barcelona, Rom oder Venedig die dortigen Sehenswürdigkeiten eine große Rolle, die Reisende aus aller Welt anlocken. Viele Menschen wollen eben einmal im Leben den Eiffelturm sehen, die Sagrada Família und das Kolosseum. Mit steigendem Wohlstand können sich immer mehr Menschen diesen Traum dann auch erfüllen.
"Zwei Drittel des weltweiten Tourismus gehen aber an die Sonnenstrände des Südens", sagt Spode. "Der Durchschnittstourist sucht einen paradiesischen Zustand." Tatsächlich ist die Tourismusintensität europaweit an den Küsten des Mittelmeeres am höchsten, einer im vergangenen Jahr präsentierten Studie des Statistischen Bundesamtes zufolge. Auf den ersten Plätzen der Rangliste, die die Zahl der touristischen Übernachtungen in Relation zur Einwohnerzahl setzt, liegen die südliche Ägais und die Ionischen Inseln in Griechenland mit 117 beziehungsweise 98 Übernachtungen je Einwohner. Ganz vorne mit dabei sind auch die Adriaküste Kroatiens, Kreta und die balearischen Inseln – allesamt Reiseziele für Strand- und Sonnentourismus.
Ein Fischernest lockt Touristenmassen an
Außer zuverlässig gutem Wetter und angenehmen Badebedingungen müsse es dort eigentlich nichts Besonderes geben, um die Massen anzulocken, sagt Spode. Ein gutes Beispiel sei der Touristenort Lloret de Mar an der Mittelmeerküste in Nordspanien. Dabei handele es sich um einen sogenannten Kunstort: Findige Strategen und Investoren entschieden einst, das verschlafene Fischernest für den Tourismus auszubauen. Ursprünglich für Leute mit Geld, dann für feierlustige Jugendliche. Heute reihen sich dort Dutzende Hotels am künstlich aufgeschütteten Strand aneinander. "Das hätte man auch problemlos 100 Kilometer weiter machen können", sagt Spode.
Die wichtigste Voraussetzung für die Entwicklung einer massentouristischen Destination seien vielmehr die Infrastruktur und die Anbindung, erklärt er – "Kein Paradies ohne Bahnanschluss." Das habe schon im 19. Jahrhundert gegolten, als der Tourismus im heutigen Sinne zunächst in Großbritannien aufkam. Die Königsfamilie verbrachte ihre Freizeit damals im Seebad Brighton, lediglich ein paar Dutzend Kilometer von London entfernt. Für Normalsterbliche war der Küstenort dennoch nahezu unerreichbar. Der Adel war unter sich – bis dann im Jahr 1841 eine Eisenbahnlinie von London an die Küste gebaut wurde. Brighton wurde schlagartig zum massentouristischen Hotspot. "Die Royals traten die Flucht an, heute geht es dort zu wie am Ballermann in Arenal", sagt Spode.
Eine der am besten erreichbaren Destinationen Europas
Der Strandabschnitt unweit der Inselhauptstadt Palma ist eines der Paradebeispiele für die Entwicklung des Massentourismus auf der Baleareninsel Mallorca. Entscheidend für den Tourismusboom ab den 1960er-Jahren war auch dort die Erreichbarkeit. Das Düsenflugzeug löste das Propellerflugzeug ab, Reisen nach Mallorca wurden billiger, Pauschalangebote kamen auf und der Flughafen wurde ausgebaut, erklärt Spode. Heute werden dort jährlich 30 Millionen Passagiere abgefertigt, die Insel ist eine der am besten per Flugzeug erreichbaren Destinationen Europas. Hinzu kommt der stetig wachsende Kreuzfahrtsektor, der wie an vielen anderen Orten zum Anstieg der Besucherzahlen beiträgt.
Auch gutes Marketing spiele durchaus eine Rolle bei der Entwicklung einer Destination zum massentouristischen Reiseziel. "Man darf das aber auch nicht überbewerten", sagt Spode. "Der Versuch, ein bestimmtes Image zu schaffen, stößt schnell an seine Grenzen." Es müsse in jedem Fall einen realen Hintergrund geben, andernfalls funktioniere die Werbung nicht. "Man kann nicht beliebig Destinationen kreieren."
Ein vergleichsweise neues Phänomen ist die Massifizierung als Folge von Social Media. Ein besonders spektakulärer Aussichtspunkt, eine entlegene Badebucht mit kristallklarem Wasser, Drehorte populärer Serien – über Nacht verwandeln sich manche Orte in Hotspots, die von tausenden Touristen auf der Jagd nach einem Instagram-Schnappschuss überrannt werden.
"Das ist, was früher Mundpropaganda war", sagt Spode. "Es geht aber viel schneller und erreicht viel mehr Leute." Insgesamt gesehen seien die touristischen Verhaltensweisen in den vergangenen Jahrzehnten aber recht stabil geblieben und ließen sich nur bedingt beeinflussen, sagt Spode
Kein Ende des Wachstums abzusehen
Und so dürften vor allem die massentouristischen Destinationen auch weiterhin gefragt sein. Jedenfalls ist ein Ende des Wachstums nicht abzusehen. Laut der Tourismusorganisation der Vereinten Nationen wird auch das Jahr 2026 weltweit einen neuen Rekord der internationalen Reisenden bringen. Man rechnet dort mit einem Wachstum von drei bis vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr.